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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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über den Neumond, bei einem russischen Froste. Ein Kosak stand auf Posten. Er fragte den Mann, wie er es aushalte, er müsse doch unbedingt dem Froste erliegen. Der Kosak antwortete: Luckü ckru§oi (dann wird ein Anderer kommen). Seht Ihr, sprach er zu seinen Leuten, da habt Ihr das richtige Prinzip, wie man dem König aller Könige dienen soll.

Ein Bericht aus dem Leben des R. Israel Balschemtow hat zwar einen mystischen Anstrich, aber das Verständniß dafür findet sich bei den modernsten Philosophen in der Konzeption von demrückwärtigen Telephonanschluß der, Geschöpfe an einander im Unbewußten". >

Der Balschemtow ging einmal mit seinen Leuten auf dem Felde und! stieß beim Blöken eines Rindes einen heftigen Seufzer aus. Als man ihn! darüber befragte, sagte er: Es wird da irgendwo ein Jude verbrannt. Derselbe ^ stirbt mit dem Selbstgefühl, daß er die Probe gut überstanden hat. Eine ! Anwandlung von Egoismus in einem so hohen Augenblicke, deren Verwerflichkeit ! sich in dem Brüllen des Viehes äußert, das sich ohne Reflexion der Bestimmung > opfert, die ihm der Schöpferwille auferlegt hat.

Dieser Zug ist bezeichnend für das ganze System der chaßidischen Ethik, ^ das, scheinbar ganz neu, in Wirklichkeit eine Reminiscenz aus dem uralten Lebens­quell des Judenthums von dessen höchster Blüthe darstellt.

Die düstere Strenge des jeden Augenblick auf das Martyrium am Scheiter-- Haufen sich vorbereitenden Mittelalters mit seinen: unnahbaren Ernste, die damit verbundene Strenge und abstoßende Haltung gegen die zu leichten Gesetzesüber­tretungen neigenden, niederen Schichten, die in der strengsten Askese zu dem durch die Verhältnisse leider nur zu sehr gerechtfertigten füllen Hasse gegen das Leben zum Ausdrucke kam, sollte dem wahren Lebenselemente des Judenthums, dem unverwüstlichen Frohsinne in tapferer Ergebung in den Willen des Schöpfers und der lorael, der unbegrenzten Liebe für das kleinste und geringste

Individuum des Gesammtorganismus, Platz machen weitgehendste Nachsicht für die Fehler des Nächsten, der, wie R. Israel Balschemtow sagte, nur ein Spiegel ist, in welchem man seine eigenen Gebrechen sieht, und unerbittliche Strenge gegen sich selbst. Die Strenge der Kritik soll in weit höherem Maße gegen die Unvollkommenheit der guten Thaten, gegen den feinsten, daher um so gefährlicheren Egoismus, wo er die Triebfeder jener bildet, gerichtet sein, und die Erkenntniß der Geringfügigkeit aller menschlichen Thaten, aller noch so großen Opfer, die der bedeutungslose Mensch dem höchsten Herrn der Heerschaaren dar­bringt, soll in der aufdnnglichen Verletzung der wahren Ehrfurcht, dem Mangel der geziemenden unendlichen Bescheidenheit, eines der unverzeihlichsten Vergehen erblicken, gegen welches die Sünden des niedrig veranlagten einfachen Mannes aus dem Äolke an Bedeutung verlieren.Glaubet mir", sagte der Balschemtow, daß es Männer giebt, welche die jeden Tag sich erneuernde Halacha aus den: Munde des Schöpfers höre::. Wein: ein solcher sich in Gedanken nur einen Augenblick vergißt, so stürzt er in die Tiefen des Abgrundes."

In seinen: Schüler R. Dowber hatte dieser große Mann das passende Sprachrohr gefunden, um sein System den so tief unter ihm stehenden Massen zum Verständniß zu bringen. Während der Einfluß des Lehrers sich auf einen weltvergessenen Erdwinkel beschränkte, sehe:: wir den Schüler eine Herrschaft an- treten, die sich über sämmtliche Provinzen des ausgedehnten polnischen Reiches erstreckt. Mit der Anziehungskraft eines seelischen Magnets weiß er die bedeu­tendsten Zentralorgane des jüdischen Geisteslebens an sich zu ziehen: aus dem fernen Littauen den R. Nachum Ostersetzer, R. Chaim Ham- d u r yr, den Schulkollegen des Wilnaer Gaon, den berühmten R. S a l o m o aus