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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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Karlin, der im Jahre 1812 beim Sabbathtische durch die Kugel eines Kosaken seinen Tod fand, aus Weißrußland (Reußen) den R. Mendel Wi- tebsker und den berühmten R. Senior Salomon, aus Südrußland den in Jaroslau geborenen Rabbiner Lewi Isaak, dessen Wirken in Ber- dhczew den Höhepunkt des Chaßidismus bezeichnet, aus Galizien den Rabbiner Elimelech von Lezajsk, aus Kleinpolen den R. Israel Koziniecer und den R. Jakob Isaak Horowitz, den Seher von Lublin, bis er in den zwei berühmten Söhnen des R. Hirsch Horowitz von Czortkow, dem älteren R. Schinelke Horowitz, Rabbiner von Nikols- bürg, und dem jüngeren R. P i n ch a s H oro wi tz von Frankfurt a. M., dem Lehrer des Preßburger R. Moses Sofer, seine Vorposten bis nach Deutsch­land vor die Front der Reform verschiebt. Damit auch der böse Engel nicht fehle, der gegen feinen Willen gezwungen ist, Amen zu sagen, verirrt sich auch der dämonisch scharfsinnige Philosoph Salomon Maimon an seinen Tisch und beugt sich vor seiner geistigen Ueberlegenheit. (Vergleiche Nr. 1 desJeschururi".)

Jeder Einzelne dieser Schüler entwickelt den befruchtenden Blüthenstaub der einheitlich empfangenen Weisheit zu einem besonderen Systeme von so merk­würdig verschiedener Individualität, daß man durch Jahrhunderte getrennte Geistesrichtungen vor sich zu sehen glaubt, die als Radien eines gemeinsamen Zentrums in eine gemeinsame Peripherie harmonisch einmünden.

Es würde uns zu weit führen, jedes Einzelne dieser Systeme auch nur an­nähernd gründlich zu beleuchten. Sie theilen mit dem Talmud, dem Midrasch, dem Sohar und dem Ari die Eigenthümlichkeit, daß sie dem Feinde ihre Thore zu versperren wissen. Es genügt das bereits Eingangs zitirte Urtheil von Ueber- läusern, um das landläufige Vorurtheil zu zerstören und ihren tiefen philoso­phischen Werth, ihren merkwürdigen Parallelismus mit den höchsten Errungen­schaften des modernen Zeitgeistes zu konstatiren ein lebendiges Zeugniß für die unverwüstliche Lebenskraft, des von allen fremden Einflüssen befreiten, im sarmatifchen Urwalde sich selbst überlassenen jüdischen Geistes, gleichzeitig aber auch ein tröstlicher Gegensatz zu den schalen, geistlosen Phrasen des auf dem Sandboden der alten Scholastik entstandenen Neoplasma der Reform.

Jeder Einzelne dieser Lehrer hat entweder eigenhändig oder, was weitaus mehr der Fall ist, durch Aufzeichnungen feiner Hörer entstandene Schriften hinterlassen, von denen jede einzelne den Leser derart gefangen nimmt, daß er glaubt, etwas Unvergleichliches vor sich zu haben, um bei der Lektüre des zweiten Werkes den ersten Eindruck verblassen und dieses Urtheil sich erneuern zu sehen. Es sind Mikrophone, in welchen längstverklungene Töne uralter Propheten­musik sich offenbaren. Das gemeinsame Ziel aller dieser getrennt marschirenden und vereint schlagenden Heerführer war die Erhaltung des Glaubens, in richtiger Voraussicht, daß eine neue Taktik des mit neuen Waffen versehenen, unversöhn­lichen Feindes der Gottesidee, eine ganz neue Strategik der Gegenwehr noth- wendig mache.

Man sah mit prophetischem Auge die Ghettomauern und die Macht des Bannes (Oberem) schwinden, von dessen energischer Handhabung sich noch R. Jacob Emden die einzige Hilfe für die Erhaltung der Religiosität verspricht. Man sah an die Stelle von Galgen und Rad, von Folterkammer und Scheiter­haufen die freundliche Maske der Rüferin zur Assimilation treten. Der trügerische Sonnenschein einer vermeintlichen Emanzipation sollte dein müden Wanderer den Mantel mit dem Schandflecke des Haffes von der Schulter nehmen, den ihn die Unbilden von Wind und Wetter nur noch fester hatten knüpfen lassen. In Polen war freilich von diesen Vorahnungen noch weniger zu spüren, als im Westen.