Druckschrift 
Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
Seite
113
Einzelbild herunterladen

113

tvickelt. stand er der herankommenden Sturm- und Drangperiode ahnungslos gegenüber. Als sich R. Mose Chaim Luzatto bei ihm einfand, um sich zu recht- fertigen und Schutz gegen seine Verfolger zu erbitten, verhielt er sich ziemlich ablehnend, in dem Glauben,, daß das bloße Talmudstudium hinreichen würde, mn die Religiosität vor allen Erschütterungen zu bewahren. Er verbot ihm die Veröffentlichung seiner Schriften. Sein Kollege im fernen Osten hat dieselben der Verschollenheit entrissen und damit die werthvollsten Geistesschätze auf dem Gebiete tiefsten Denkens und ungeahnter Forschung, die einzige Waffe gegen die neueste Näturwissenschaft für die Nachwelt gerettet. Sein lakonisches Urtheil über R. Mose Chaim Luzzaito lautete:Seine Zeitgenossen haben nicht das Glück gehabt, diesen großen Mann zu verstehen," zugleich ein beredtes Zeugniß seiner eigenen Geistesgröße.

Auf deutschem Boden finden wir einen, einer uralten deutschen Familie (dem Verfasser des sialllut 3cllimeoni) entsprossenen Geistesverwandten, den Frankfurter R. Natan Adler, der zwar durch feine innige Freundschaft mit dein großen, Schüler des R. Dowber, dein Frankfurter Rabbiner R. Pinchas Horowitz, Fühlung mit dem Chaßidismus genommen, aber dennoch die Ver­wandte Richtung ganz unabhängig Angeschlagen hat. Die Größe dieses räthsel- haften Mannes, der als einfacher Privatier der damaligen Oeffentlichkeit als halber Einsiedler gegenüberstand, hat nur sein großer Schüler, R. Mosche Sofer, zu würdigen geivußt und zwar in Worten, die Alles übersteigen, was je ein schwärmerischer Chossid von seinen Lehrern, selbst vom Balschemtow gesagt hat, worüber die Zeugenschaft seiner Söhne da ist.

Wir kommen nunmehr zu den Gegnern der neuerstandenen Or­ganisation.

In jener sturmschwangeren Zeit mußte jede Neuerung verdächtig und gefährlich erscheinen. Daß der Verfasser des Schulchvn Aruch selbst und nament­lich der Art auf geistigem Gebiete eine Umwälzung sonder Gleichen geschaffen hatten, indem sie die Kabbala, die früher nur dem Namen nach gekannt war, als Beherrscherin des Gedankens eingesetzt hatten, glaubte man ignoriren und durch ausschließliche Beschäftigung mit dem Talmudstudium ungeschehen machen zu können. Nach der Sentenz, daß derjenige, dessen ausschließliche Beschäftigung das Thorastudium ist, im Grunde genommen von der Pflicht des! Gebetes entbunden sei, hafte man dieser nur für Äusnahmsmenfchen, wie R. Simon ben Jochai und Andere im Talmud geltend gemachten Ausnahme zwar keine Gesetzeskraft ein­geräumt; daß aber in der Praxis wenig dazu fehlte, beweist die Klage des R. Jonathan im stmrM v'nmsell, daß es kaum Jemanden gebe, der dreimal in seinem Leben eine Zcll'mone Oi-mell mit vollständiger Andacht gebetet habe.

Was sollte man nun zu einer Organisation sagen, welche an Stelle des aalmudstudiums, in dem man für Schlaf und Essen kaum einige Stunden gewann, den größten Theil des Tages mit dem Gebete und den Vorbereitungen dazu ver­brachte? Zwar hatte diese Methode eine Entschuldigung im Talmud, der das­selbe von den alten Chaßidim berichtet, die eine Stunde vor und eine Stunde nach jedem Gebete in Beschaulichkeit zubrachten, und sich für das Studium und die Arbeit auf höhere Beglückung verließen. Aber mit tvekchem Rechte konnten die Neuen die Methode der Alten für sich in Anspruch nehmen?

R. IacobEmden, der sich die Polizeigewalt auf religiösein Gebiete vindizirte, schrieb im hohen Alter, daß er von einer neuen Vereinigung in Polen gehört habe, deren Mitglieder stundenlang im Gebete zubringen und dabei in Ekstase gerathen. Er verspricht ihnen, wenn es ihm vergönnt sein sollte, ihnen die Füße mit eisernen Dreschwalzen zu zerbrechen. Die Chaßidim tanzten bei religiösen Festlichkeiten trotz dieser Androhung weiter.