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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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. . . helfen, wenn er kann! (Tic Henker wagten es nach nicht, ihre Blas­phemien auf den unausgesprochenen heiligen Namen anszndehnen, wie die Modernen.)

Kurze Zeit vorher waren die Marannen der Plünderungswuth der Matrosen preisgegeben worden, welche die Säuglinge von der Mutterbrust rissen und aus den Fenstern auf das Steinpflaster schmetterten, denen dann die Mütter nach schmach­vollsten Verbrechen nachgesandt wurden. Und die Langmuth der Vorsehung sollte es wagen dürfen, dadurch erschüttert zu werden?

In einer der eingestürzten Kirchen befand sich, wie Graetz erzählt, eine Marannin in gesegneten Umständen. Als sie unter dem eingestürzten Gewölbe lebendig begraben dalag, that sie das Gelübde, wenn sic gerettet würde, znm Glauben ihrer Väter zurückzukehren und nach Frankreich zu flüchten. Da kam ein zweiter Erdstoß, der die Steinmassen bei Seite schob und sie aus dem Grabe befreite. Sie hielt Wort. Der Sohn, den sie gebar, war Isaak Fontana, der spätere Präsident des von Napoleon Unberufenen Synedrions. Der Atheismus fand seine Vertreter auf den Thronen. Friedrich II. erkannte zwar später die Religion als nothwendiges Uebel an, indem er seinem Minister zurief: Bring er mir wieder Religion in's Land! Aber der Revolution von oben, die er und sein Schüler Josef II. zu inszeniren bestrebt waren, kam die von unten zuvor, um den Mißbrauch, der mit dem heiligsten Gute der Menschheit getrieben worden, durch die ebenso frevelhafte Parole ni Dian ni ittnili'6 zu ersetzen.

Das Judenthum vereinigt in sich den angeborenen Glaubcnsinstiiikt mit dem rationellen religiösen Gedankenbau, der in der chabadüischcn Schule seine höchste Ausbildung erreicht. Eine Gegnerschaft erwuchs derselbe» in der Schule des R. Hirsch von Zydaczow in Galizien (gest. 1831). Dieser Mann und seine vier Brüder waren die Söhne eines gelehrten Dorfschänkers in Podolien. Ihre Mutter, eine bibelkundige Frau, sagte ihrem Manne: (4. B. M. 20, 19), die

Anfangsbuchstaben der Namen ihrer fünf Söhne, Bensch, Moses, Sender, Lipe, Hirsch. Alle fünf waren ausgezeichnete Talmudgelehrte, Kabbalisten und Wunderrabbis. Sie gehörten jenem Kreise von Talmudgelehrten ersten Ranges au, die wie R. Abraham David von Buczacz (Vers, des halachischcn Werkes Dual Keclötwbim), R. David Salomo (Dsbuselw Larää, und .-Vrlw XaelmI, starb in Palästina), R. Chaim Czernowitzer, (Vers, des berühmten Heer Uns im Obus im ». a., starb in Palästina 1813), R. Elaser Horowitz (Nachkomme des 8cdIoit, Verfasser des Xcwm DltzMäinr u. a.), R. zu Tarnogrod, R. Jakob Hirsch von Dyuow (Vers, des berühmten talmud. W- Ickelo llüi'oimj, R. Moses Teitelbaum-Iljhely, R. Jakob Halpern - Bolcchow, R. Simcha von Bobrka, R. Hirsch Elimelech von Dyuow, R. Leibisch Lipschütz, Charis von Wisznicz, R. Arje Löb v. Lancnt (Vers. d. berühmten ObomLl Nrial) und viele andere, meistens durch Vermittelung des R. Mose Löb Sassower, des Lieblingsschülers des Nikolsburger Rabbi R. Schmclkc Horowitz, die Vorurteile gegen die neue Richtung durch persönlichen Augenschein und strengste Prüfung der großen Lehrer überwinden gelernt hatten. Hirsch Eichenstem von

Zydaczow genoß als Talmudgelehrter ein so hohes Ansehen, daß selbst R. Jakob Aschkenasj, der berühmte Rabbiner von Lissa, damals noch Rabbinatsassessor in Stryj, obwohl prinzipiell einer der entschiedensten Gegner in der Frage des Chaßidismus als Neuerung ihm seine Ehrerbietung durch einen Besuch bezeugte. Wie die oben angeführten Kollegen, von Haus aus juristischem Scharfsinne huldigend und als vollendete Richter und Dezisoren in die neue Organisation eingetrctcn, war seine Unterordnung unter die neuen Lehrer mehr Coordination unter Wahrung großer