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sagte er nicht: „Entferne die Trugbilder von meinen Augen" ?
Man soll eben die Angen in der Macht haben, das; sic nichts sehen, was sie nicht sehen wollen. — Bor Sabbatheingang pflegte er, in seinem Zimmer abgeschlossen, das Hohelied, wie seine Zeitgenossen sagten, mit derselben Hoheit zu sagen, wie es Salomo verfaßt hat. R. Hirsch wollte ihn um jeden Preis hören. Er stahl sich in das Zimmer, als R. Baruch in der Mikwa war, und verbarg sich in einem Schranke. Er erzählte noch im Alter, daß ihn wiederholt die Sinne verließen, namentlich bei dem Verse 2, 5: >28 weil er das Feuer nicht aushalten konnte, (was
übrigens im Sohar auch von R. Akiba erzählt wird); aber er war entschlossen, eher zu sterben, als den heiligen Sänger zu stören, und so harrte er bis ans Ende, um dann unerkannt davon zu kommen. (Für die Leute der Orlv szur Orieutirung der Orientalisten: Orlö ist eine Grenzstations ist das freilich unbegreiflich.)
Der Anschluß so hervorragender Gelehrter an den Chassidismus ging nicht ohne Sturm vor sich. Die Misnagdim wüthelen, und der Geheimbund der Josephiner, ein Atheistenklub, an dessen Spitze Pcrcls in Tarnvpol, Krvchiual in Brvdy, Erter in Lemberg, Pastor und andere Renegatenerzeuger standen, setzte alle Hebel in Bewegung, um durch Denunziationen von Regiernngswegen mit der neue» Organisation gleichzeitig das alte Judenthum in Trümmer zu legen. Sabbath, Milah und Niddah, die drei Grundlagen der Religion, die den Juden aus der Sklaverei der Tretmühle des Zeitrades, die Seele aus der schlimmsten Fessel des versicherten Triebes und die Familie durch die Reinheit der Ehe aus dem Sumpfe der Degeneration befreien, sollten um jeden Preis abgeschafft werden, um nach bekanntem Muster den Maff'en- absall vorzubereiten. Die schläfrigen Orthodoxen ließen sich durch Kaftan und Pelzmütze und den üppigen Haarwuchs, den diese Wölfe in Schafspelze wohlweislich bis auf die kleinste Aeußerlichkeit beibehielten, soweit täuschen, das; sie mit ihnen gemeinschaftliche Sache gegen die „Neuerer" und „Sektirer" machten. Namentlich war die Kreisstadt Stryj das Hauptnest der Gegner, und wenn ein Rabbi hier aus der neuen Kaiserstraße durchkam, so wanderte er unbedingt in's Gefängnis;. Sv
erging es dem R. Hirsch Zydaczower trotz seines Ansehens, R. Uri Strclisker, R. Mendel Kossowcr, der subalternen Chassidim gar nicht zu gedenken, und R. Abraham Josua Heschel, der aus Apt auf das Rabbinat nach Jassy berufen worden war, entging der Steinigung nur mit genauer Noth. In Stryj war damals R. Arje Löb Lohn Rabbiner, der früher als Melammed beim Kultusvorstcher fungirt halte. Die im „K/otk sig.oti 08 etien" veröffentlichten Proben seines Scharfsinns fanden in den Angen des tiefernsten R. Jacob von Lissa keine Gnade, bildeten jedoch das Erqöken der Pilpulisten. Der Disrespekt, den die „Neuen" dieser Art des Studiums entgegen brachten, mußte den Rabbiner ebenso verletzen, wie die Energie und Rücksichtslosigkeit, mit welcher sie seinen Schwiegersohn, den Rabbiner Salomo Löb Rapaport, trotz seines Scharfsinnes — er hatte Glossen zum Krotk geschrieben) und seines Adels unter dem Vorwände bekämpften, das; er der geheimen Verbindung angehöre, während derselbe doch höchstens einmal ein joviales Späßchen sich erlauben konnte, wie es scharfsinnigen Gelehrten geziemt. So hatte er in Lemberg im Zimmer des Obcrrabbiners Jakob Ornstein in dessen Abwesenheit seinen Sitz eingenommen, als eine Magd mit einer „Schaale" kam: cs waren Soldaten einquartirt, die ihre Menage am Heerde kochten; da steckte ein Soldat den trefcnen Löffel in den Topf des Juden. Welches Regiment war es? fragte der Rabbiner, dessen großer schwarzer Bart, lange Ringellocken und riesige Pelzmütze, die er auch später in Prag beibehielt, keinen Zweifel in der Fragerin anskommen ließen, daß sic den Rabbiner vor sich habe. — Weiß ich, welches? Dann geh' heim und frage, ob cs Kavalleristen oder Infanteristen waren! Die Magd ging. Ta räumte sich der Schelm auf, und