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diese Art Bücherstudium zu der lebendigen intuitiven Anschauung sich verhalte, wie der in Schlaf versunkene Körper zur wahren Seele; daß sich diese einzig dastehende Litteratur dem Auge des Beobachters in Gruppen, Prosopöeu, Sphären und Buch- " staben in funkelnder Pracht zeigt, wie der Sternenhimmel dem Astronomen, der seinen Schreibstift in den unendlichen Himmelsoccan taucht, ohne daß damit auch nur der Anfang zum Buchstabiren, geschweige denn zum Lesen des Himmelsbuchcs gethau sei; daß mau nur mit Hilfe des Gedankens lesen könne, nachdem man znm Bewußtsein gekommen sei, das heißt: zur ununterbrochenen lebendigen Wirkung desselben, und daß der Gedanke in seiner Ranmwesenheit den ganzen Platz von Raum und Zeit unendliche Male umspannt und sich nicht bloß in der philosophischen Phantasie der Abstraktion, sondern im seelischen Ballonfluge über dieselben hinaus erheben kann (N!2^
Das sollte aber ebensowenig Transportmittel für die Massen werden, wie etwa heutzutage der Luftballon. Der Raw hatte für die unvermeidliche Befriedigung der Massen in tiefer Psychiatrischer Kenutniß ihrer Anlagen und Gebrechen für seine heroisch veranlagten russischen Juden seine Schule gegründet. Sein Sohn R. Bcr und sein Schüler R. Aron Staroseloer bauten rüstig, den in der zweiten Generation cingeiretenen Veränderungen entsprechend, weiter, und wenn R. Hirsch das entzückend und tief angelegte Loknar iiujioiuui vvaiiuoirmimb, das System einer völlig originellen und neuen Philosophie, angreift, so genügt der Anschluß au die ersten Quellen und der Unterschied zwischen der Jener und der Dieses,
um die Streitpunkte als nicht bestehend zn erkennen. Unter Elfterer versteht der Chaßid die realistische, transcendentalc, unter Letzterer die hauptsächlich in der Emotion des Gebetes durch Emporringen aus einen höheren Standpunkt im blitzartigen Allsblick phantasiemäßig gewonnene, ideale Erkenntnis;. R. Hirsch verfaßte einen berühmt gewordenen Kommentar zum Sohar, Jtwut A>vi genannt, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen des nach links neigenden R. Hirsch Ehajcs Zolkiew, das die alte Scholastik und ihren Kohl auszuwürmcn bemüht ist.
Um den Kern des Chassidismus herum hatten sich somit dreierlei verschiedene Schichten gebildet. Die philosophische Chabad, die mystische Zydaczower, die scholastische Przysuchaer. Der Kommentar des R. Hirsch war wieder die Veranlassung zu einer ganz speziellen Litteratur durch seine Schülers namentlich aber durch den überaus fruchtbaren Schriftsteller R. Isaak von Komaruw,'Sohnes seines Bruders R. Lender, was jedenfalls ein Rückfall in die Vielschreiberei war, die den alten Lehrern als größtes Hemmniß des Gedankens erschien. Die kompendivscn Werke des letztgenannten Gelehrten leiden an Phantastereien, trotz seines Anschlusses an die Kritik des Jabez in seinem (des Kömaruoer's) Soharkommentar 8oiuu' 6stnj, worin er nachwcist, daß derselbe bei den meisten Stellen offene Thürcn cingerannt hat, da die spätere Entstehung derselben im Sohar selbst angekündigt und gerechtfertigt erscheint. Hingegen sagt er ihm wegen seiner unbegreiflich zweideutigen Haltung zwischen unbegrenzter Verehrung für und Abneigung gegen die Kabbala so derb die Wahrheit, wie kaum Jemand früher. Dagegen sind die Schriften seiner Vettern, im großen Styl der älteren Meister, tief und weise beschränkt gehalten.
Eines der amnuthendsten Schriftwerke jener Zeit und Gegend ist das Uiww-U. Zellaloin des R. Mendel Kossower von höchster Ethik und zum Herzen dringender Allegorik mit tiefen psychologischen Geistesblitzen.
R. Hirsch Zydaczower gerietst durch die neu eingeführte Formung des Kabbalastudiums nach altfränkischem Muster (im vollsten Wortsinn, fränkisch -- sephardisch)
>» heftigen Prinzipienstreit mit dem Nestor des Chassidismus, R. Abraham Josua Hefchel, und dem hervorragendsten Zeitgenossen R. Uri Strelisker, wie bereits angedeutet.