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In Folge des neuen Aufschwunges des Kabbalastndiums in Ostgalizien und Nordostungarn war ein Mangel eingetreten an den unter den Namen IÄ, ?ri, Ms 62 eiiggirv bekannten Sammlungen der Lehren des durch R, Meier Poppers, und die Drucker verlangten für eine Neuauflage die Approbation des R. Abraham Josua Heschel, des damals angesehensten Oberhauptes. Derselbe verweigerte jedoch seine Zustimmung, erging sich vielmehr in den heftigsten Aeußerungen gegen diese Wiederbelebung der längst überwundenen Methoden des Studiums. Darauf richtete R. Hirsch Zydaczvwer ein Schreiben an ihn, das mit seinen gesammelten Schriften gedruckt ist, in welchem er sein Befremden darüber ausdrückt und sich aus den Sohar beruft, daß die Beschäftigung mit dieser Wissenschaft die Erlösung zu beschleunigen geeignet sei. Es lag etwas wie eine Mischung von naivem Gelehrteutrotz darin, einem Rabbi von solchem Range einen seit R. Meir ben Gabbai (1492) von allen Kabbalisten abgedroschenen Satz in Erinnerung zu bringen, llcbrigens hatten die ersten Citirer noch nicht die Schlüssel des Sohar. Auch von einer Beschleunigung durften sic nur zu ihrer Zeit reden, aber vier Jahrhunderte später klang das wie bittere Ironie. Auch spricht der Sohar im Gegcntheil von einer durch die Durch geistigung aller einzelnen Individuen des Volkes zu erwartenden Erlösung mit
Erbarmen, ohne Katastrophen, ans dem Wege der Evolution, was eher eine Verlangsamung bedeutet. Es ist wahr, fährt das Schreiben fort, daß Euere Weigerung erklärlich ist, weil Ihr das Volk den Gefahren nicht aussetzen wollt, die mit dein Studium der Kabbala verbunden sind. Ich aber sage, daß es nicht von unserem Belieben abhängt, den Kamps anszunehmen oder zu Haus zu bleiben. Wir müssen vielmehr kämpfen ohne Rücksicht darauf, ob wir und wieviel von uns fallen; denn das ist unsere Pflicht.
Diese stürmische Marschall-Vorwärts-Taktik war aber nicht nach dem Geiste des greiseil Führers, der nicht umsonst den Titel Otw-lv Isruel, „Freund Israels", erhalten hat. „Denn Joab schonte das Volk" hieß es von dem alten, krieg- gewohnten Feldherrn Davids. Da tritt der Mangel an einheitlicher Disziplin und Subordination zu Tage. Ein General, der gegen die Oräre cke butuillo darauf losschlägt, unnöthige Opfer bringt, wird, auch wenn sein Sieg den Feldzug entscheidet, bestraft, lind in diesem Falle war sein Vorgehen auf eigene Faust durchaus gegen den ganzen, tief angelegten Plan der großen Führer, die hauptsächlich gegen das Ilebermaß des Guten, die Profanirung des Genies, die Unersättlichkeit im Haschen nach philosophischen und mystischen Geistesgenüsscn aufgetreten waren. Die Gefahren des „Zuviel des Guten" sind nicht minder groß als die des „Znviel des Gemeinen". Und wenn die Jagd nach dem Golde den Blödsinn und die Entartung des Individuums nach sich zieht, so hat die Jagd nach übermäßigem geistigen Besitz den Wahnsinn und die verschiedenen Vorstufen desselben im Gefolge. Es fehlte die einheitliche Leitung. Man hatte den alten, muffig gewordenen Kastengeist mit seinen Mißbräuchen und Lächerlichkeiten einer ungerechten und falschen Rangordnung, in die Rumpelkammer geworfen. Nachdem aber der Chaßidismus in stürmischem Siegeslauf eine derartige Ausdehnung von Witebsk bis an die Theißniederung gewonnen hatte, drohten alle Bande der Disziplin zu reißen.
Der Rabbiner von Apt, R. Abraham Josua Heschel (1761—1823), war der- Letzte von den auserwählten Führern, die im Jahre 1816 vom Schauplatze verschwunden waren. Mein alter Freund, R Simon Mateles, der als Kind alle jene Großen gekannt hatte, sah auch ihn einmal auf der Reise nach Lublin und schilderte im hohen Alter den unvergeßlichen Eindruck, den seine wahrhaft königliche Erscheinung machte. Dieser alte R. Simon und sein Vater R. Leibisch haben die chanze Epoche des Chaßidismus von seinem Auftreten mit dem Balschemtow bis