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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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wahre Liebe zum Volke in der richtigen Wertschätzung der einzelnen Individuen, daß man ihre Seelenzustände und ihre Schwächen so genau studirt, wie der Arzt die Ausscheidungen des kranken Körpers. Dann findet man, daß der vor die Front zu sendende Soldat ein Krüppel ist, aber doch zu kostbar erscheint, um als Kanonenfutter verwendet zu werden. Auch soll der Führer nicht wie in der späteren Periode bei den demokratischen Vereinen bloß der Leithammel sein, der, als der stärkste und klügste oder, weil doch Einer es sein muß, au der Spitze der Heerde steht, sondern, einer höheren Region angehörend, wie der Hirte über der Heerde stehen, auch auf geistigem Gebiete nicht in gemeinschaftlichem Haushalt des einfachen Schul­lehrer- und Schülerverhältnisses leben. So konnte er einem alten Schulklopfer besondere Ehre erweisen, um welchen ihn die schärfsten Köpfe unter seinen jungen Leuten beneiden mußten, und ihnen den auffallenden Vorgang mit den Worten erklären: Die jungen Chaßidim werden ihr Lebenlang niit sich zu kämpfen haben, bis sie so einfache Juden sein werden, wie dieser Alte. Er war eben Seelenarzt ans der durch den Balschemtow geschaffenen Schule und als solcher in der Lage, die Seelenkämpfe jedes Einzelnen dieser jugendlichen Denker zu belauschen und anzu­schauen, welche dieselben in ihrem tiefsten Innern jeder Mittheilnng und Beobachtung entzogen bei sich in gewaltigen Stürmen durchmachten. Der Raw hatte dafür zwar das Studium als einziges Heilmittel gefunden und sein System durch die Selbstanalyse der Seele zu einer Art Heilgymnastik derselben ansgebildet. Dasselbe bot jedoch nur mehr vorübergehende Beruhigung oder Stärkung der Widerstands­fähigkeit im Kampfe, keineswegs aber vollständige Heilung. Die Rückkehr zur alten Methode des kabbalistischen Bücherstudiums wurde auch von ihm perhorreszirt. An der Festigkeit des von seelischer Gesundheit strotzenden R. Hirsch blieben diese Rücksichten freilich ohne Eindruck. Seine Schule hat jedoch nur die Mittelmäßigkeit auf diesem Gebiete gefördert. Die Leute der Marmaros waren nicht von des

Gedankens Blässe angekränkelt. Ich kannte einen ans der Menge, der ganz gut veranlagt war und nach der allgemeinen Mode er war noch dazu Schächter sich auch mit dieser Literatur beschäftigte. Er las für ^.Miut,

Wesenheit und Organe, ^ornnut rvollßlim, Knochen und Organe, fand also Knochen in der Psyche oder in den Sphären. Andererseits muß zugegeben werden, daß der persönliche Eindruck des R. Hirsch ein gewaltiger war, wie das außeror­dentliche Feuer seines Dienstes und der furchtbare Ernst seiner Askese, sodaß der bereits erwähnte F. L., ein Krvchmatianer schlimmster Sorte, wie er mir selbst sagte, ihm 16 Jahre relativer Seelenruhe verdankte. Jedenfalls ist sein System aus ein bestimmtes Landesgebiet beschränkt geblieben und kommt nur in zweiter Ordnung in Betracht. Er starb hochgeachtet und von seinen Zeitgenossen tief betrauert im Jahre 1831. Einer seiner Brüdersöhne, R. Isaak, setzte sein System und seine Wirksamkeit mit eben so großem Ansehen an seiner Stelle fort. (Starb 1871 nach vierzigjähriger Amtsthätigkeit.) Trotz der Divergenz der Ansichten über die Ersprieß­lichkeit des öffentlichen Kabbalastudiums wurde der Friede zwischen den einzelnen Ver­einigungen in Galizien nicht gestört, wie dies in Kongreßpvlen der Fall war, wo die nenentstandene fidele Kotzker Burschenschaft die frommen Chaßidim der Lnb- liner Schule stark ins Gedränge nahm. Der Unmuth eines der hervorragendsten Schüler des Rabbi von Lublin, gleichzeitig einer der größten Gelehrten seiner Zeit, des R. Jesaia von Przedborz (gest. 1831), ging so weit, daß er den Ausdruck fallen ließ: Nach dem Tode des R. Elimelech ist der Chassidismus in Unordnung

gerathen. Heutzutage hat dieselbe so überhand genommen, daß (mit dem von dem Amora Rab Nachman gegen Hillel's Prosbul angewandten Ausdrucke)

'X, ich ihn aufhcben würde, falls ich die Macht dazu