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hatte. Dieser Lehrer, den mein R. Simon nnd auch mein sel. Lehrer R. Salomo Rabinvwitz ^"21 zu besuchen pflegten, war ein sehr strenger und sehr heiliger Mann, der namentlich über die Nichtachtung der vorschriftsmäßigen Zeiten des Gebetes sehr ungehalten war und selbst den gemäßigten nnd milden R. Isaak Wärter trotz dessen Bitten nicht bei sich vorließ, weil er mit der neuen Przpsuchaer Schule keinen Verkehr haben wollte.
So war der Chaßidismns an dem Sitze seiner hervorragendsten Lehrer in zwei sich befehdende Feldlager gespalten und, was noch schlimmer war, die ernstesten Fürsprecher ans dem altrabbinischen Lager hegten Befürchtungen für die weitere Entwickelung der Dinge. Denselben Standpunkt nahm auch der Rabbiner von Ropczyce,
R. Naftali Rubin, ein Tochtersohn des Hamburger Rabbiners Isaak Horowitz (daher der später angenommene Familienname Horowitz), ein. Der Kulminationspunkt der geistigen Bewegung war eben überschritten. Der Anschluß der großen Massen zu einer Zeit, als die wahrhaft großen Führer vom Schauplatz verschwunden waren und keine anerkannt führende einheitliche Oberleitung, wie die des Sehers von Lublin, mehr vorhanden war, ließ die Thalfahrt bergab mit überladenem Wagen als gefahrdrohend erscheinen. Man war nach den Erfahrungen der jüdischen Geschichte seit den ältesten Zeiten darauf gefaßt, daß ans jeden gewaltigen Aufschwung ein Rückschlag erfolgen würde, wie er nur zu oft unheimliche Ausschreitungen im Gefolge hatte, und der letztgenannte, wegen seiner Weisheit berühmte Mann ließ cs an düsteren Voraussagungen nicht fehlen. Zum Glücke und als Beweis für den hohen, heiligen Ernst und die göttliche Macht des Chaßidismns haben sich diese Befürchtungen als unbegründet erwiesen. Der eigentliche Zweck, die religiösen Institutionen, die außerhalb des Chaßidimkreises in nie dagewescne Auflösung geriethcn, unversehrt zu erhalten, ist bis auf den heutigen Tag geglückt.
^Jn Krakau, das als letzter Rest altpolnischer Herrlichkeit mit einem kleinen Gebiete einen MO den Theilungsmächten garantirten kleinen Freistaat bildete, hatte ein Schüler des R. Elimelech, der aber auch den Seher von Lublin und R. Mendel Rymanower als Lehrer anerkannte, R. Kalonymns Epstein, dem Chaßidismus eine Position erobert. Als alte Hauptstadt, die mit dem reformlustigen Westen in unausgesetzter Verbindung stand und für die Provinz tonangebend war, hatte diese Stadt eine besondere Wichtigkeit, so daß sich Chaßidim wie Reformer in heißem Kampfe den Vorrang streitig machten. Die uralten Traditionen von Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, die mit jedem Stciuchen des Ghettos verknüpft waren, hätten die Auslösung ebenso wenig zurückgehalten, wie die des doppelt so alten Prager Ghetto, wo > / »och dazu bis an das Ende des 18. Jahrhunderts die Hochschule des Xocku ß bijeiiuäu einen weit intensiveren Glanz verbreitet hatte, als die verödete, herabgekommenc/ i älteste polnische Gemeinde, die 1797 nur mehr 1950 Seelen zählte. Der Senat de/ . kleinen Republik leistete den Umsturzbestrebungen allen möglichen Vorschub, die ja schließlich auf die Assimilation, d. h. den Abfall, hinausliefcn, der so werthvolle Per- besserungen der eigenen Race versprach. Dagegen leistete er den Bedrückern der neuen „Sekte der Chaßidim" allen möglichen Vorschub. Dieselben fanden überhaupt einen sehr heißen Boden vor in einer Stadt, in welcher die unumschränkte Gewalt selbst über den Rabbiner und das Iletk-ckin von dem Usseti ImKokot, dem Kultuspräsidenten, ausgeübt wurde. Das war ein baumlanger Athlet, aus altadeliger Familie, vor dem alles seinen Kotau machen mußte, der Rücksichtslosigkeit von den polnischen Adligen gelernt hatte und zehnmal soviel Ohrfeigen austheilte, als er im Verkehr mit denselben zu erhalten gefaßt sein mußte. Die Herrschaft der Kultus- Präsidenten war seit Dezennien um so fester gegründet, als die Rabbincrstellen von