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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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Das jüdische Volksleben ist von Unberufenen in frei sabrizirtcn Äöter- romanen zum Ueberdrusse geschildert worden in der Voraussetzung, das; es sich dabei nur um eine Namenänderung der arischenHans und Gleichen" handeln könne, eine Prämisse, die nicht einmal aus die allernntersten Volksschichten anwendbar ist. Die wirklichen internen Verhältnisse liegen in so weiten Fernen, das; man mit den Worten des englischen Schriftstellers, wonach jeder Engländer eigentlich 1000 Jahre alt sei, sagen muß, daß jeder Jude eigentlich 4000 Jahre alt 'sei; so sehr spiegelt sich die Antike mit ihrer Seltsamkeit aus den verschiedensten Epochen in dem jüdischen Volksleben wieder. Der Hohn des Philistertums kann dem Erzähler um so gleich- giltiger sein, als derselbe Thatsachen mit Ausschluß jeder Halluzination mit kritischem Auge selbst gesehen hat, daher als ciaiie t'ntti, Sklave der Thatsachcn,

wie Lombroso über eine viel, viel niedrigere Sphäre schreibt, sich' den Spöttern gegenüber in guter Gesellschaft befindet.

Mir war die Thatsache auffallend, das; das ülrror »msoiismvsell eine auffallende Aehnlichkeit des Baues mit dem X6äu8eiw8 Imvi bekundet. R. Simvn erzählte mir darüber Folgendes aus dem Munde des Lehrers. Ich wollte, sagte dieser, den berühmten R. Mordcha von NeschchuS kennen lernen, nachdem ich dessen Lehrer R. Michel Mai von Zlvczow gekannt hatte. Ich hielt mich also längere Zeit bei ihm auf. Derselbe hatte für seinen Sohn (den später berühmt gcwvrdcnen R. Isaak von Neschchus, starb 1868), um die Enkelin des R. Lcvy Isaak von Berdyczew werben lassen, und die beiden Mechutvnim (Eltern der Brautleute) sollten in einem auf halbem Wege zwischen beiden liegenden Dorfe zusammenkonuncn. Der Kocku8el;n8 Iwvi kam und wartete drei Tage vergebens aus die Ankunft des R. Mordcha, der nicht früher herauszufahren pflegte, als bis er von Oben dafür die Erlanbniß erhalten zu haben glaubte. Es ist selbstverständlich, das; für einen Mann wie siHu86tm8 Imvi die Unterbrechung seiner Funktionen durch einen dreitägigen Auf­enthalt im Dorfe eine wahre Pein war. Bei der Begrüßung kam es daher zu »uliebsamen Erörterungen. R. Mordcha fühlte sich verletzt und sagte: Ihr glaubt, man mnß herumlaufen und ausrufen: lolrko ionä, titurio nckö ml! Ich ziehe es vor zu Hause zu sitzen; wer hören will, soll kommen. Darauf Iveärmeinw lmvi: Wißt ihr denn nicht, daß die halbe Welt meine Talmidii» (Schüler) sind? Selbst dieser schwarze junge Mann da, auf mich deutend, ist auch mein Talmid! Höchlichst erschrocken, lief ich zur Thür hinaus, um erstens meinem Lehrer nicht Antwort stehen zu müssen, der das ömn- und Herlaufeu von einem zum anderen übclnehmci, konnte. Zweitens, uin den XcUimc-imL Imvi nicht Lüge strafen zu müssen, den ich meines Erinnerns zum ersten Mal sah. Während ich über den Sinn seiner Worte, die unbedingt keine Unwahrheiten enthalten konnten, nachdachte, fiel mir ein, daß ich, als ich im Alter von 4 Jahren in Neustadt von meiner Mutter ins Ehedcr geschickt wurde, um unter Aussicht des Lehrers zu bete», und einen Beugel mitbekam als Frühstück nach dem Gebet, auf dem Wege das Volk in die Schule laufen sah, weil der Rebbe aus Zelechow gekommen sei. Ich lief also mit und stellte mich während des ganzen Gebetes unter seinen TalliS. Das war der Uecirmeims Iwvi. Ich vergas; das Cheder und das Beten, und als er fertig war, spürte ich Hunger und den Bengel, ohne gebetet zu haben. Darauf stellten sich Gewissensbisse ein, und von damals an beschloß ich bei mir, fromm zu werden. Ter i< 0 (iu 8 olw 8 Iwvi hatte also richtig gesehen und die Wahrheit gesprochen.

Von R. Süsche, dem Bruder seines Hauptlchrcrs R. Elimelcch, erzählte er, daß er den Versammelten beim Tische der Reihe noch ihre Sünden auszurechnen pflegte, ohne sie auzureden, indem er zu sich selbst sprach: O, Süsche, Du hast das und das gcthan. So ging er von einem zum andern. Ich merkte, das; er nach