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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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zu empfinden vorglebt, glaubt ja in Wirklichkeit auch an die Vergangenheit nicht. Äbcr es war ein Abglanz jener Epoche in ihrer Erhabenheit und, da sic in mensch­liche Niederungen hinabznlcnchten bestimmt war, auch in den Mängeln der Aufnahme­fähigkeit dieser Niederungen. Wir haben die Theorien des U-w vorausgeschickt, um diesen antiken, unbefangenen Beobachter über das Thema zu hören, wieso die alte Prophetie neben sich unwürdige Doppelgänger entstehen sehen mußte, ohne dieselben in Jahrhunderte langem Kampfe besiegen zu können, bis beide vom Schau- Platze abtraten.

Ilm derartigen Wiederholungen vvrzilbengen, trat R. Uri vor allem gegen das Studium der Kabbala auf. Aber nicht nur gegen das populäre Bücherstndinm, sondern auch gegen die Rebbes von Profession. Sv fragte er einen Gelehrten R. Isaak Wiznitzer, der ihn im weißen Talar besuchte: Ihr seid doch Kabbalist. Erklärt mir den Unterschied zwischen der Tendenz des I )or inrkloAo (Thurmban von Babel) und der Bileams! Darauf R. Isaak: Jene waren .Kosmopoliten, welche das Ideal der Religion in den tiefsten Materialismus herabziehcn wollten, gleich­mäßig für alle, ohne Unterschied der Rasse und der Moral, während Bileam die religiöse Idee, als für die niedere Welt zu hoch, ganz ans derselben verbannt wissen wollte, wie der Sohar IV, 23, 15 sagt: N2 ist gleich mit

Ich will diese Vorstellung, die ja ohnedies keine direkte, sondern nur eine durch das vermittelte ist, gänzlich ausreißen. Sehr richtig geantwortet, sprach R. Uri.

Eine zweite Frage: Wenn der Hohepriester einmal im Jahre am Ver­söhnungstage das Allerheiligste betrat, so verrichtete er ein kurzes Gebet. Der Talmud berichtet, er habe gebetet, daß die Wanderer der Wege nicht erhört werden sollen, wenn sie in ihrem Interesse um das Anshörc» des für die Welt nörhigen Regens beten. Hatte er damals wirklich nichts Anderes auf dem Herzen? lind war das Gebet nicht überflüssig? Denn, wenn die Wanderer in der Majorität waren, so hätte ihr Gebet erhört werden sollen, waren sie in der Minderheit, mit welchem Rechte sollten ihnen die andern nachgesetzt werden? R. Isaak schwieg. Die Erklärung ist, fuhr R. Uri fort, daß der Talmud, wie die Thora, mit dem Regen alle materiellen und geistigen Segnungen symbolisirt, die von oben auf Israel hinabkommen. Dieselben kommen vom Schöpfer des Alls ans der höchsten Region des Unfaßbaren durch höhere und niedere Welten bis in die Engelwelt

um von dort in die niedere Welt dieser Erde zu gelangen. An

dieser letzten Ecke giebt es Wegelagerer von großer Macht, die mit aller Kraft des Gebetes den Schefastrom von Israel ableiten und den Völkern zuleiten »vollen. Gegen diese war das Gebet des Hohenpriesters gerichtet, daß sie mit ihren Gebeten nichts ansrichtcn möchten. Was soll man thun, schloß er, wenn es heutzutage sogar Rebbes in weißen Talaren giebt, die zu diesen Wegelagerern gehören? (Imre UnuclaN'li, Auszeichnungen seines Schülers R. Wolf Schönblum.)

So bereiste R. Uri die Gegend, um die Spuren zu vertilgen, welche die Unreinheit der Sekte der Sabbathianer zurückgelassen hatte. R. Ber, der Sohn des Vorstehers von Korolowka, erzählte als Augenzeuge, daß R. Uri an einem Mittwoch Nachmittag unerwartet im Städtchen angesahren kam. Der riesige Marktplatz, den die' paar jüdischen Häuschen kaum ganz zu umfriedigen ver­mochten, war leer, da derselbe nur für die an Markttagen hcrbciströmcndcn Gebirgsbauern bestimmt war. Es waren also kann, 20 Personen, die den Ankommenden empfingen. Er hob seine buschigen Angcnbrancn und fragte: Ist heute .laricl (Markt) bei Euch? Man zeigte ans den leeren Markt. Woher denn kommen so viel llslwmes (Vieh)? Nach diesem wenig schmeichelhaften Empfange stieg er bei dem Vater des Erzählers ab, dessen Hans hart neben der Schul' stand.