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Die Synagogen in den kleinen polnischen Städtchen, Holzbauten mit eigenthümlichen Schnitzereien, sind von Weitem kenntlich. Als er ans einen Augenblick aus der Stube trat, wobei ihm der kleine Berl als Wegweiser diente, fragte er, aus die Schul' deutend: Was ist das? Das ist die Schul', antwortete der Kleine verwundert. Nach einer Zeit wiederholte sich der Vorgang in Frage und Antwort. Am nächsten Morgen ging er in die Schul' zum Gebet. Seine Anstrengungen waren immer übermenschlich, so daß zuweilen die Kronleuchter klirrten von der Gewalt seiner Stimme, aber eine derartige Anstrengung hatte noch Niemand gesehen. Er riß förmlich den Fußboden mit den Zähnen auf. Nach Beendigung des Gebetes und dem Imbiß befahl er anzuspannen und nach dem drei Meilen entfernten Krywcz zu fahren. Vergebens bestürmte man ihn, doch hier den Sabbath zuzubringen, da die ganze Umgegend sich dafür vorbereitet hätte; es half nichts. Am Sonntag früh kamen Leute aus Karolöwka zu ihm nach Krywcz hinüber. Was hört man in Karolöwka mit der Schul'? fragte er. Gestern Abends Schabbesnachts hat eine Feuersbrunst dieselbe vollständig bis auf den Grund zerstört.
Oh, sagte er, habe ich Xnueiies kurvst, (Kräfte anfgewandt), um dieselbe zu verbrennen! Hier haben Jahrelang die Schalstes (Sabbathianer) gehaust und so viel Unreinheit angehäuft, daß ein unreines Embleme gegenüber der Bundeslade zu sehen war. Aehnlich sagte der Seher von Lublin, daß die unreinen Bilder verschiedenen Gewürmes und dergleichen, welche dem Propheten Ezechiel (8, 10) auf den Wanden des Tempclvorhoses.eingegraben gezeigt wurden, nur in der prophetischen Vision bestanden, als Abdrücke der unreinen, götzendienerischen Gedanken der Besucher. Interessant war für mich, bei Grätz die Notiz zu finden, daß dieses Städtchen der Geburtsort des Scheusals Frank gewesen.
R. Uri hatte auch als Rigorosum für angehende Rebbes, die ihn besuchten, ein originelles Mittel in einen: großen Humpen, der dem Betreffenden mit Meth gefüllt kredenzt wurde. Leerte er ihn ein oder zwei Mal und wurde berauscht, so war er verloren, denn wer einmal einem Rausch verfällt, hat alle höheren Seelenfähigkeiten unwiederbringlich eingebüßt. Der Rabbiner von Belz sollte auch der Probe unterzogen werden; aber am Freitag Abends vergaß R. Uri die Prüfung, und während der Nacht flog ein Hahn ans den Schrank und zerbrach das Glas. Er ist gekommen, mein Glaswerk zu zerbrechen, brummte der Alte. R. Hirsch Rymanower trank eins und zwei; als er ihn: das dritte Mal geben wollte, betete er, er möge ihn vergessen. Später pflegte er zu sagen, daß er es bereute, die Gelegenheit zur Erlangung einer ganz besonderen Ausdauer des Gedankens verpaßt zu haben. So kleinlich und an's Lächerliche streifend ist die Sache nicht, wie es den Anschein hat.
Gegen einen der merkwürdigsten Männer, von dem später ausführlicher die Rede sein wird, den bereits erwähnten R. Meir Przemyslaner, ging er in dessen Jugend besonders streng vor. Dieser stammte ans einer Familie hochangesehener Rabbiner, in welcher seit Generationen die psychischen Fähigkeiten des Hellsehens und andere prophetische Gaben ganz besonders entwickelt waren. Dazu hatte er die Eigenschaft, die ihm von den Großen als angeborene Schwäche ausgelegt wurde, daß er nicht an sich halten konnte und Alles, was er sah, aussagte, zum Schrecken Vieler, die ihm nahekamen. Ich selbst war mit einen: seiner Enkel, einem liebenswürdigen Gelehrten, befreundet, der unterwegs, wo er einkehrte, sobald er Ruhe gewonnen hatte, zu orakeln anfing über Vorgänge, die dem Hausherrn nicht zun: Vergnügen gereichten. Gegen diesen anfkeimcnden Scher richtete sich die Energie des R. Üri, der in der neuen Epoche mit dem Supranaturalismus und seinem Auftreten in der Oeffentlichkeit ansränmen und ihn: diese Fähigkeit wegnehinen wollte.