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kenne, wofür ihm der etwas jähzornige R. Jakob eine Ohrfeige applizirte. Auch andere Nahestehende wußten davon, daß der Rambam sein Lieblingsstudimn war, namentlich R. Simchn von Bobrka, einer der größten Talmudgelehrten seiner Zeit.
lieber die neue Richtung, welche der Chassidismus in Polen genommen hatte, äußerte er sich, daß der „Jüd" einen neuen Weg eingeschlagen habe, ans Thorastudium und Gebet eins zu machen (eine sehr tiefgehende Bemerkung, die schwer zu verstehen, geschweige denn zu erklären ist), daß er jedoch inmitten seiner Bestrebungen dahingerafft wurde, wodurch seine Nachfolger auf Abwege gcrathen würden.
In Kongreßpolen nahm die Spaltring zwischen der neuen Talmudisten- schule und den Nachfolgern des Rabbi von Lublin immer schärfere Formen an. Mau unterschied zwei Lager, Esoteriker und Exvteriker. An der Spitze der Elfteren stand der Lehrer des sel. Rabbiners R. Salomo Rabinowitz, der bereits erwähnte R. Meir Halevy in Stopnica und Opatow, bekannt unter der Benennung R, Meir Apter, dem sein Lehrer, der Seher von Lublin, ain Sabbath vor seinem Hinscheiden beim Vortrag aus dem Sefer Thora (?. ?1iwiw8) die 8amiolm (Weihe) ertheilt hatte. Derselbe besaß in vollem Maße die großen Gaben seines Lehrers und das unauslöschliche Feuer seiner Begeisterung. Als er bei der Verheirathung der Enkel beider mit R. Raftali von Ropczyce zusammentraf und sich dieser bei der.Einleitung des Sabbath, die bei ihm sehr frühzeitig stattfaud, verspätete, entspann sich nach dem Gebete eine etwas gereizte Coutroverse zwischen ihnen. R. Naftali sagte: „Ich sehe, es macht sich ein Chaos im Chaßidismus. Ich sage, man soll aufhörcn, zu fahren; jeder soll zu Hanse bleiben, studieren und beten, wie er kann". R. Meir der ihm am anderen Ende des Tisches gcgenüberstand, sagte: „Und ich sage, man soll nur fahren und Belehrung suchen. Ihr habt nicht nöthig, für Gott zu sorgen. Wenn wir nicht im Stande sein werden, die Massen zu leiten, so werden Größere kommen, die fähiger sind als wir." Dieses unerschütterliche Vertrauen und Selbstvertrauen entsprang dem ihm von dem Lehrer übertrageneu Machtgefühle, das wie bei Josua kein Zurückwcichen kennt und in den schwierigsten Situationen keine Verzweiflung anskommcn ließ. Die Flucht in die Gelehrtenstube kam der Preisgebung aller bisherigen Erfolge gleich und konnte den Einzelnen ans dem Weltgetriebe nusschalten, ohne daß es jedoch für die Massen ein Rückwärts gegeben hätte. Einer der vornehmsten Grundsätze dieses Lehrers, dem er namentlich in seinem Or insollaMnsim benamrten Werke Ausdruck giebt, war das NX IldDLU Nit 722 !2!>N, daß die Fähigkeit des Leiters darin bestehe, den Augenblick richtig zu erfassen, die Zeit in ihrem fortwährendem Wechsel von Werden und Vergehen zu belauschen, im Gegensatz zu den im Traume der Vergangenheit lebenden Büchergelehrten. Daß den jungen Leuten und den großen Massen überhaupt das kommunistische, fröhliche, dem äußerlichen Scharfsinn huldigende, burschikose Programm der Kotzker Brüderschaft mehr zusagtc, als die strenge Disziplin dieser Esoteriker, hatte seine guten Gründe. Man mag darüber denken, wie man will, und die verschiedenartigsten rationalistischen Parallelen zur Erklärung herbeizichen; Thatsache ist, daß das innerste Wesen des Schülers und noch viel mehr, wovon er keine Ahnung hatte, vor ihrem Auge offen lag, wie in eurem Glaskasten. Das moderne Gedankenlesen ist eine kindische Spielerei dagegen. Nun hatte das zwar den großen Erfolg, die Religiosität auf ganz andere Art zu beleben, als das Buchstudimn mit seinen unzähligen Fährnissen und Schwankungen: andererseits hatte es jedoch den Nachtheil, die Willensfreiheit zu beeinträchtigen und mvmcntan ganz aufzuheben, Schwärmerei und Hang nach unangemessenen höheren Graden zu erregen, denen das Individuum nicht gewachsen war. Dafür wagten sich aber nur solche in die Nähe dieser Männer, die vvn groben Vergehen frei waren. Ich erinnere mich, aus meiner Jugend, in dem Fabrikstüdtchen Z. einen alte», sehr frommen und ehrenwerthen