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Wollhändler R. Israel Holzer gekannt zn haben, der als Aptcr Chaßid dem leisen Spotte der lustigen Brüderschaft ausgcsetzt war. Derselbe stand einmal bei R. Meir, als ein russischer Dorfpächter, von weiter Ferne dem Ruse des Wnndcrrabbis folgend, mit dem Anliegen um Fürbitte kam, weil ihm der Graf die Pachtung gekündigt hatte. Er trug die altpolnische Dorfstracht, einen sogenannten Ikmmole (hohe gespaltene Pelzmütze) und Ledergurt. Als der Rabbi seinen Namcnzettcl (Snittel) in die Hand nahm, fuhr er ihn an: „Wer heißt Dich denn mit der Frau des Ockvnomcu etwas Vorhaben?" Als der Mann dies hörte, riß er den Ledergnrt vom Leibe, schüttete den ganzen Inhalt auf den Tisch, rannte spornstreichs hinaus und mit seinem Wagen auf und davon. Die Erhaltung der Religiosität der in den Dörfern ohne jede Belehrung dem Umgänge mit Bauer und Vieh überlassenen niedrigsten Volksklassen war nur diesen Einflüssen zu verdanken. Wenn der Urrdoei die negative Lösung des Widerspruches zwischen 'lockijnd und Uoedirntr (Prädestination und Determination) ungenügend findet und dieselbe durch die positive (H^^l228N zu ersetzen sucht, daß die Vorsehung nach Seherart sieht, so ist dieser Versuch zwar nach R. Israel Koziniecer als verfehlt zu betrachten, wird aber durch die Beobachtung dieser Seher verständlich, was Uubo.6 damit gemeint hat, der ja aus seiner eigenen Sehergabe kein Hehl macht. Als R. Abraham Josua Heschel, der Lehrer des R. Meier, am 5. Nissan 1823 in Medziborz starb und die erschütternde Nachricht am Rüsttage des Pesachfestes nach Opatow kam, verheimlichte man dieselbe dem Rabbi, um ihm nicht seine Festesfreude zu stören. Nach dem
Seder sagte er: „Ich weiß nichl, was das bedeuten soll. Ich habe den Sedcr meines Lehrers betrachtet und habe ihn in einem Glanze sitzen sehen, der mir die Augen geblendet hat. Neben ihm saß sein Sohn R. Isaak Meier, aber so niedergeschlagen, daß ich dafür gar keine Erklärung finden kann." Er hatte also richtig gesehen, aber die höhere von der niederen Region nicht zn unterscheide» vermocht. (Das meint der kndoä mit die er freilich nur als Beispiel
für Höheres verwendet wissen will.) Erst 7 Wochen später wurde ihm die Lösung nachträglich klar, da man nicht länger zögern konnte und ihm am Rüsttage des Schebuotsestes die Mittheilung machte, worauf er eine Stunde Trauer saß und sagte: „Der Rabbi von Lublin war mein Lehrer, R. Heschel war mir die Mutlcr- brnst für den Säugling." Er starb am 25. Tanins 1825. Mit ihm erlosch der Glanz und die Vorherrschaft der großen Lubliner Schule. Die Kinder des Rabbi von Lublin hatten sich ins Privatleben zurückgezogen, da sie die hohen Gaben ihres Vaters nicht besaßen und derselbe nie Anlaß genommen hatte, ihnen die Nachfolge zu übergeben. R. Israel RoLaner hat es den polnischen Chaßidim als Gemüthsrohheit ausgelegt, daß sie das Haus eines so großen Lehrers fallen ließen, und sagte, daß sie zur Strafe dafür nach einigen Dezennien Strohmännern in die Hände gefallen seien. Der russische Ehossid hatte weit mehr angeborene Treue für die Häuser der großen Lehrer. Sv vererbte der lirnv die Leitung der Ehabad auf Enkel und Ururcnkel, ohne die hervorragenden Schüler zu beeinträchtigen. Dasselbe war der Fall bei R. Nachum Czernobieler und seinem Hause uud ganz besonders bei der Nachfolge des großen Magid R. Dowber.
Der polnische Jude hingegen war erst in dem alles verzehrenden Feuer des Lubliner's und seiner Kollegen neugebackener Ehossid, von Haus aus unabhängiger und mißtrauischer Lamden, dem sein eigenes Ich über Alles ging, uud da ein Jeder in sich das Zeug zum Rabbi spürte, so ordnete er sich einem solchen nur mit dein Hintergedanken unter, dessen Fähigkeiten sich anznciguen, um daun selbst Rcbbe zn werden. Der feine Egoismus erschien ihm als die äußerste Ehrlichkeit und Strenge, die auf Personen gar keine Rücksicht nimmt und (ich nur dem überwältigenden Genie unterordnct. Die' Eroteriker wußten auf diese Charaktereigenschaft zu spckuliren und