Druckschrift 
Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
Seite
300
Einzelbild herunterladen

300

schufen eine Demokratie, in welcher unter Gleichheit Aller jedem Einzelnen die Hoffnung auf einstige Präsidentschaft unter die Nase gerieben wurde. Daß es seinen Kollegen nicht ebenso ergehe, dafür hatte der Seher noch bei Lebzeiten gesorgt. Der Kozinieeer Magid, derJüd" und R. David Lelower waren ihm ins Jenseits vorausgegangen, so daß er ihren Söhnen eine Stellung sichern konnte, auch wenn er seine eigenen Kinder sich selbst überließ. Wie bereits kurz erwähnt, hatte R. Israel Kozinieeer einen Sohn R. Moses und eine Tochter Perel zurückgelassen, deren Sehergabe der Vater rühmte. Als sie im hohen Alter erblindet war, verbrachte sie ihre Zeit mit dem Gesänge:kiborw (1'g.Imu kmilu (Herr der ganzen Welt), laß uns sein zu Dir ein Im 86Kn1In (ein auserwähltes Volk)!" Ihr Mann war R. Selig, Rabbiner zu Grodziska, der Aspirationen auf die Nachfolge seines Schwiegervaters hatte. Als dieser am 14. Tischri 1814 starb, berathschlagte die Stadt, was mit seinem Sohne geschehen solle, den man für einen Amhaarez hielt. Die Einen wollten ihn wegen feiner lieblichen Stimme zum Schnlchasen machen. Die Andern wollten, daß man ihm die Verwaltung des Stadtbades übergebe. Aber der Rabbi von Lublin sagte:

Nachdem die Buudeslade weggezogen hat, so spricht Mose", und befahl ihm, den Sitz seines Vaters einzunehmen. (Vgl. oben.) Er hat zwei Werke hinterlassen, LvZr iVloMtw (Mosesbrunnen) und Onnt ^loseste, die zwar nicht das Nivean der kabbalistischen Schrifteil des Vaters erreichen, der als einer der brillantesten Geister alle Kabbalisten überflügelte, die aber quantitativ wie qualitativ von seltener Hoheit des Geistes und Gcmüthes zeugen und die Erzähler nicht Lügen strafen, welche den Unterricht, den ihm sein Vater ertheilte, belauscht haben wollten. (Hatte ja auch R. Moses Sofer in Preßburg auf dem Todtenbette seinem jüngeren Sohne als Nachfolger in der Leitung der Jeschiba versprochen, daß er ihm zur Seite stehen werde.) R. Mose starb am 12. Elul 1827.

Der Sohn des R. David Lelower hatte von seinem Vater ebenfalls die Ver- stellungsknnst geerbt, sein Inneres unter der unscheinbarsten Hülle zu verbergen. Einmal vergaß er sich jedoch, als der Schwiegersohn des R. Jesaia Przedborzer, R. Berisch Gnmbiner, eineil Streit vom Zaune brach und mit gelehrten Spitz­findigkeiten seinen Schochet auf's Korn nabm und dessen Absetzung forderte. Da ließ sich der sollst so sanfte Mann Hinreißen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen und auszurufen:Diese eingebildeten Przedborzer Gelehrten! Als ich acht Jahre alt war, hat mich mein Vater des strengen Frostes wegen, da wir weder Holz noch Kleider hatten, auf dein Boden in ein Faß mit Häcksel bis an den Hals gesetzt und beim Talmudstudium alle kwellouiM und ^eluwoulin (alte und neue Decisoren) mit mir durchgesprochen." Als ihm die neuen Verhältnisse nicht mehr behagten, ging er nach Palästina und besuchte auf der Durchreise R. Israel in Sadagora. Als ihn dieses strenge Oberhaupt seiner Zeitgenossen erblickte, sagte er, ihm bei der Begrüßung:Eure Polen sind Narren, daß sie einen solchen Mann aus dem Lande lassen."

Der älteste Sohn desJüd", R. Rachmiel, ernährte sich bei Zeiten seines Vaters als Uhrmacher und war mit Vorliebe Botaniker; er hatte 973 verschiedene Spezies gesammelt. Auch auf ihu lenkte der treue Rabbi von Lublin die Auf­merksamkeit. Er wohnte in Przysucha, wo sein Gegner R. Bnnem ebenfalls seinen Wohnsitz genommen hatte. Die zahlreich diesem zuströmcnden Fremden gingen am Jonitow zu R. Rachmiel essen, da bei Jenem nicht so viel vorbereitet war, und nach dem Esten zu R. Bunem, wofür sie dann noch in ihrer frechen Manier den Ersteren verhöhnten. So pflegte er zu sagen: Ich habe die N821N und er die NO52N- In der Schabnotnacht stand er bei Morgengrauen am Fenster des Bethha- midrasch und sagte Tillim. R. Mendel Kotzkcr, damals noch Schüler des R. Bunem, trat in seiner rücksichtslosen Manier hinter ihn, versetzte ihm einen tüchtigen Puff