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„Somit erklärt sich das Verhältnis; des Nistar (der Geheimlehre) zum (der offenen, einfach verständlichen Lehre). Es wird allgemein angenommen, daß zwischen beiden ein wesentlicher Unterschied bestehe. Dem ist aber nicht so; denn in der offenen Lehre hat sich die Geheimlehre nur materialisirt und greifbare Formen angenommen. Darauf paßt der Vers (Spr. 25,11): „Goldenen Aepfeln in silbernen Schangeräthen gleicht das richtig in allen seinen Beziehungen erfaßte Wort." So verhält sich das AlAak, die äußere Lehre, zu der inneren wie das Silber des äußeren Gefäßes zu dem darin enthaltenen Golde. Aehnlich erklärt diesen Vers Mai- nwuides in der Einleitung zu seinem Uorell Utzdnclnm. Dadurch wird auch der Ansspruch unserer Weisen (Traktat Sukkah) verständlich: „Man sagte von
R. Jochanan ben Sakkai, daß er keinen Zweig der Wissenschaft bei Seite gelassen habe, das Größte wie das Kleinste, das Große, das ist die Theosophie, Naasss Nsrkaball, das Kleine, das sind die talmndischen Abhandlungen von Abaja und Raba." Nun haben schon die Alten daran Anstoß genommen, daß der eigentliche Talmud, der unser religiöses Leben ausmacht und dessen Fundament und Zentralpunkt bildet, hier als „Kleinigkeit" behandelt wird, kitba und UisebbL haben ihre Erklärungen darüber abgegeben. Ich erkläre es nach dem früher Gesagten wie folgt: Die talmndischen Dissertationen stellen die Gesetze als Erklärungen des Schrifttextes fest, damit wir die Werkthätigkeit, von der unser religiöses Leben abhängt, richtig ausüben, wie es 3. B. M. 18,6 heißt: „die der Mensch thun soll, daß er durch sie und in ihnen lebe (270 ''Nl)"; das heißt, daß das geistige Leben in ihnen enthalten ist, denn der ewige Lohn der Mizwah ist das Geistige der Mizwah selbst. Lohn und Strafe sind nicht willkürlich bestimmt, sondern stellen sich nach den tiefsten Gesetzen der Natur und denen der verborgenen höheren Welten gesetzmäßig von selbst ein. Nur daß uns das Gebot in einer äußerst beschränkten Form erscheint, wie der Stern als kleiner optischer Punkt oben eine ganze Welt bildet. So ist die Handlung der Mizwah ganz klein, reicht aber in ihrem Ursprünge in die Ewigkeit der Llsrlraball hinauf, wie aus dem Samenkorn sich der Baum entwickelt. — Nun sagt R. Jirmiah in Trakt. Sanhedrin zum Verse Echah 3,^: „In Finsternisse hat er mich versetzt,
wie die Todten der Welt" — das ist der babylonische Talmud. Das erscheint unbegreiflich, denn er erleuchtet unsere Augen, und wie kommt R. Jirmijah dazu, Licht mit Finsterniß, Leben mit Tod zu identifiziren? Ebenso sagt R. Simon, daß das erste Licht der Schöpfung, um es zu verbergen, in Dunkelheit gehüllt worden sei; was soll das heißen? Damit ist wohl das von mir Vorausgeschickte gemeint, daß das Licht der Gotteserkenntniß mit der Entartung und der Materialisation des Menschen eine dichte Hülle annehmen mußte, entsprechend der Körperhülle, die sich um das Seelcnkleid des höheren Menschen gelegt hat, der seine Unsterblichkeit mit dem Tode vertauschen mußte. Aber durch das Silber der Außenhülle schimmert der Glanz des Goldes hindurch. Deshalb wird die Thora „Paradies" (V-s->2) genannt nach den Anfangsbuchstaben von U'solmt (einfacher Wortlaut), U8m68 (Symbolik), vrasob (Allegorik) und 8oä (tiefer, wahrer Sinn, das verborgene Licht, das durch alle diese Bekleidungen hindurchschimmert). Unser Verstand ist durch das Exil verdunkelt, so daß derselbe nicht, wie es sein sollte, alle Kräfte beherrscht, sondern nur die unterste Stufe des Herzens erleuchtet. So verstehen Wieden Geist des Schriftwortes erst nach äußerster Anstrengung, wie unsere Weisen sagen: Der Mensch muß im Zelt der Thora sterben, um sie zu verstehen. So sehen wir von Generation zu Generation immer eine Erklärung auf die früheren Erklärungen sich häufen; hätte aber der Mensch den ursprünglichen Schöpsungszustand seines Verstandes bewahrt, so würde er die heilige Schrift direkt begreifen und hätte keine mündliche Tradition nöthig, deren mühevolles Verständniß unter dem Drucke der Verhältnisse dann erst wieder deren Niederschrift nothwendig machte. Deshalb sagt