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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
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R. Jirmijah, daß die Verfinsterung der Seele nach dem Untergange des Tempels die

Mühevolle Arbeit im Verständnisse des Talmud nach sich gezogen habe.-

So hat Mosche in seinem strahlenden Geiste die Lehren des Talmud in der Thora gesehen, während die Späteren die äußersten Anstrengungen machen müssen, um die Schwierigkeiten der einzelnen Abhandlungen zu überwinden. Dementsprechend ist die Thora in der heiligen Sprache abgefaßt, in welcher, wie bereits begründet, das körperliche Sprachkleid dem inneren Wesen des Gedankens entspricht, 'wogegen der Talmud in der Sprache des Targum abgefaßt ist. (lar(ck)gmm, sagt ^ri, bedeutet: larckoina, Lethargie des Schlafes, und verhält sich zum Texte wie die Betrachtung von der Rückseite zu der Betrachtung von Angesicht zu Angesicht.) Dasselbe Verhältnis; besteht geographisch zwischen Palästina als Zentrum der Welt (verbindet Europa, Asien und Afrika) und Babel. So heißt es im Jcruschalmi Sabbat l: R. Meir sagte: Wer in Palästina wohnt, seine Speise in Reinheit genießt, hebräisch spricht und Morgens und Abends das Schema liest, der ist der Seligkeit sicher. So sagt Abaje in l?. Uamaäir: Einer von ihnen (den Palästinensern) ist mehr Werth als zwei von uns (Babyloniern), was Raba ergänzte: Wenn aber

Einer von uns hinauf geht (und sich in Palästina ansässig macht) so wird er soviel werth wie zwei Palästinenser. Beweis: R. Jirmijah, der bei uns nicht wußte, wovon wir sprechen, jetzt, da er in Palästina lehrt, unsbabylonische Tölpel" nennt.

So ist die Tradition in Palästina ihrem Ursprung näher und tritt harmonischer mit der Schrift auf, als in Babel, wo sie von derselben mehr ent­fernt ist, im Dunkel der fremden Sprache anftritt und in den Finsternissen ver­schiedener Lesarten der Ueberlieserung, deren Widersprüche und zuweilen auch Mängel den Forscher in Verzweiflung setzen, bis er zur Klarheit kommt, wodurch dann die vielen Meinungsverschiedenheiten entstehen. So sagt R. Hoschaja in Sanhedrin <?o. 8 borsr): 'Was bedeutet das Gleichnis; des Propheten (Secharia 11, 7):Ich nahm mir 2 Stäbe) den einen nannte ich llloam (Harmonie), den anderen Oliobliin (Wildheit)." dloam, das sind die Gelehrten Palüstina's, die einander in der

Halacha entgegenkommen, Oliobliin die ungestümen Babylonier. Tie Palästinenser werden mit dem Oel verglichen, das Licht und Frohsinn bringt, weil sic sich nicht so im Pilpnl überhitzen (!), deshalb beschäftigen sie sich auch mehr mit den Ge­heimnissen der theosophische» Forschung (Llsrkaba), die Geistesgröße erfordert, während die Babylonier im Gegenthcil fast ganz in dem Kleinhcitsstande der Dissertationen Abaja's und Raba's anfgehen. Dafür aber, wen» ein im Scharfsinn geschulter Babylonier nach Palästina kvmmt und seinen Scharfsinn in der hohen Wissenschaft verwendet, so übertrifft er dann doppelt die Palästinenser. Tenn in dieser Wissen­schaft giebt es erst den tiefen und süßen Scharfsinn."

Man staunt über die radikale Kühnheit des Programmcs des 8ob'Io>i, deren Ernst und Wahrheitsdrang noch über die des R'. Avigdor Nroo hinansgcht. R. Jesaia schließt sich der Gruppe der großen Gesetzcslehrcr an, welche, mit R. Acha Gavn ans Schabchä iPolwoltotb) anfangend, die dunklen Wolke», die sich durch die Nacht des Exils zwischen Schrift und Tradition gelagert hatten,bis die Thora wie in zu,ei gespalten erschien", durch den hermetischen Anschluß der Ueberlieserung an den Pentateuch verscheuchen und dem Zustande vor der Zerstörung des Tempels möglichst nahe kommen wollten, als die Niederschrift der Tradition noch verboten war.

Dem allmählich aufgekommenen Atheismus, dem die schwächlichen Gelehrten des Westens widerstandslos erlegen waren, hatte die Vorsehung als Hüterin Israels außergewöhnliche Heilkräfte in den große» Führern eiitgcgciigcstellt, welche die felsen­feste Ueberzeugung in die Herzen zu pflanzen wußten, die etwas ganz Anderes be­deutet als die Gewvhnheitsglänbigkeit des Philisters. Aber auch das Wachsthum der großen Geister und Genies hat der Schöpfer bestimmten Gesetzen unterworfen.