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Die Volksseele kann derart hervorragende Seelengruppen nicht ohne Unterbrechung aus sich heraus produziren. Wie jedesmal in unserer uralten Geschichte, mußte eine Periode der Erschöpfung eintreten, in welcher das Alltägliche, der Kleinheitszustand, die Noobin äolcatnus, wieder in ihre Rechte tritt. Der „Raw" hatte diese unausbleibliche Reaktion vorausgesehen und nach dem Ausspruche seines Lehrers R. Dow Ber zum Verse Kohelet 7, 14: „Am Tage des Guten laß Dir wohl gehen; sieh' aber vor für den Tag des Bösen", womit gesagt sein wollte, daß man im Zustande geistiger Gehobeuheit nie die später eintretende Reaktion vergessen und für den Kleinheitszustand Fürsorge treffen solle, mit derselben seinen Pakt geschlossen. Nachdem er in seinem Otmbaä ein Meer von theosophischen Betrachtungen ausgegossen, kommt er zum Schlüsse immer wieder darauf zurück, daß die Beschäftigung mit der Halacha doch die Krone der Thora bleibt, weil der Wille als Krone der Seelenkräfte weit höher steht, als Otmbaä (Vernunft, Phantasie und Bewußtsein). Während diese Potenzen nicht im Stande sind, an der Wesenheit zu rühren, schließt sich in der Halacha der Wille an den Willen des höchsten Gesetzgebers in engster Harmonie an. Die Sentenz ist theoretisch gewiß unanfechtbar. In der Praxis bedeutet sie jedoch die Deckung des Rückzuges und in gewissem Grade das Aufgeben des zu hoch befundenen Programmes, angesichts des Umstandes, daß die Massen sich desselben zu bemächtigen angefangen hatten und es in die Decadenz hinabzuziehen drohten. In Kongreß-Polen war es der „Jüd", der in derselben Voraussicht einen neuen Weg durchzubrechen versuchte, wie ihn nur R. Uri Strelisker von seiner hohen Warte ans richtig benrtheilen konnte, den Versuch, die Tiefe des Gebetes und seiner Andacht in das Talmndstudium zu verpflanzen, Geist und Gemüth gleichzeitig, nicht eines ans Kosten des anderen, zu ernähren. Vor Allem wollte er jedoch die gesunde Hausmannskost des Talmudstudiums für die Ernährung der Massen gesichert wissen. Trotzdem er ferner bemüht war, die erschütternden Wirkungen, welche die Sehergaben seines Lehrers auf Geist und Gemüth in gewaltsamen Eingriffen in das innerste Seelenleben ausübten, auf ein gewisses Maß zurückzuführeu, war er nicht weniger Mystiker als dieser. Er sagte vor seinem
Tode von einem wenig beachteten Zeitgenossen, R. Leibisch Oserower, der auch später als Schüler des R. Meir Apter nicht aus seiner Zurückgezogenheit heraustrat: „Ich finde ihn beim Gebete immer in denselben Regionen wie mich. Wir waren beide Tossafisten und sind beide verbrannt worden auf Lickärmob Hasolmm. Man hat uns Beide heruntergeschickt, um die damals abgcschnittene Lebensdauer zu vollenden. Er wird ein hohes Alter erreichen, weil ihn in seiner Zurück
gezogenheit Niemand kennt; mich haben die Massen in die Arbeit genommen, deshalb wird cs mir nicht beschieden sein." Er starb auch im Alter von 45 Jahren nach den übermenschlichen Anstrengungen seines Gebetes. Wie R. Uri vorausgesagt hatte, war mit seinem Hinscheiden auch die Ausführung seines hohen Prvgrammes unterbrochen und dem Jrrthum auf unwegsamen Pfaden die Gelegenheit eröffnet. Wir haben bereits die Zwistigkeiten besprochen, welche die Methode seines Schülers R. Bunem und dessen Nachfolgers R. Mendel Kotzker in das Lager des Chassidismus trug.
Die Reaktion, die R. Mendel mit ebensoviel Raffinement wie Rücksichtslosigkeit durchsetzte, war geeignet, das ganze Programm des R. Israel Balschemtow von
Grund aus zu zerstören. Es zeigte sich da zum ersten Male in ganzer Größe die
Gefahr darin, daß ein System auf die zwei Augen eines Menschen gestellt war, für dessen Nachfolge, wäre er auch noch so bedeutend, niemand bürgt. So wurde R. Mendel von den Chassidim der alten Schule als destruktives Element von besonderer Gefährlichkeit verschrieen, ohne daß die Meisten dafür Gründe anzugeben wußten, die über anscheinend kleinliche Aenßerlichkeiten hinausgingen. Die nenbekehrten Lomdim