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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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hingegen, die gegen den Autoritätsglauben der Chaßidim in den schärfsten Aus­drücken gewettert hatten, trieben mit der Person dieses Mannes einen förmlichen Kultus, so daß man nicht einmal seinen Namen nennen durfte, sondern nur von ihm alsEr soll leben" sprach. Nachdem er, wie bereits geschildert, die Führung seiner Partei an sich zu reißen und mit dem Zeuge einer Cäsarennatur alle Rivalen sich nnterzuordnen gewußt hatte, war er von einem Kreise meist großpolnischer Talmud- gelehrten von unermüdlichem Eifer, darunter Leuten von schlichter, wahrer Frömmigkeit, wie von hinein Generalstab, umgeben, an den sich wiederum ein Kreis wilder litthanischer scharfsinniger junger Leute anschloß, deren burschikoses Vereinsleben die Massen derart anzog, daß bisher unerhörte Ansammlungen an Festtagen stattfanden, die ans 7000 Personen geschätzt wurden. Das war dann ein Gaudium, wenn die alten Graubärte mit den Jungen um die Wette bei dem Klange polnischer Bauern­lieder Ilopev Wnckrv! hopsten. Jeder äußere Schein von frommer

Zerknirschtheit oder Ekstase war ja verpönt. Dagegen wäre noch wenig einzu­wenden gewesen.

Einer von der Chewra (Burschenschaft) begegnet am Rüsttage des Ver­söhnungsfestes einem Balboes (Philister), der in weihevollster Stimmung und Rührung, den Kittel (Sterbekleid) über den Kleidern, in Schul geht. Er nähert sich ihm mit Rührung, zerdrückt eine Thräne mit der Faust und sagt ihm:Seht nur, was mir geschehen ist; ich habe meinen Kittel zu Hause gelassen! Als ehrlicher Jüd solltet Ihr wenigstens so gut und fromm sein, mir den Kittel auf einen Augen­blick zil leihen, damit ich ihn anziehe und ihn sofort znrückgebe." Gesagt, gethan. Der Mann zieht den Kittel ans, der Bursche zieht ihn an, wälzt sich mit ihm, um die Buße recht vollständig zu machen, in dem polnischen Straßenschmutze, und giebt ihn dann anstatt in blendender Weiße in Schwarz und Grau dem ver­blüfften Schulgeher zurück. Ich würde derartige Flegeleien schon aus Gründen persönlicher Bekanntschaft und Freundschaft nicht in die Oeffentlichkeit ziehen, um so weniger, als im Laufe der 50 Jahre nur noch schwache Spuren dieser Tollheiten übrig geblieben sind, die gegenüber den Ausschreitungen und Gesetzesschändungen der Assimilationsjuden wie einfältige Bubenstreiche erscheinen; aber diese scheinbar über­flüssigen Pikanterien sind nur ein Sackmnstcr ans einer ganzen Waggonladung und bezeichnend für das ganze System einer Leitung, die heutzutage noch, wenn auch vielfach abgeschwücht und gemildert, das Gros der Judenheit in Kvngreßpolen beherrscht, die trotz alledem den gesetzcstreuesten und gelehrtesten Teil des Volkes ansmacht.

Gerade die Schatten- und Nachtseiten des Chassidismus sind es, an denen sich sein innerer Werth erprobt. So sind die Krankheitsznstände die Probe für die Fähigkeit des Arztes. In letzter Linie haben wir es mit einem ungemein tief durch­dachten und komplizirten Plane desJüd" zu thun, des R. Jakob Isaak von Przysucha, eines der größten Seelenärzte aller Zeiten. Das ganze Golus besteht schließlich nur aus Krankheitszustünden und deren Heilung. Die Krankheitserreger sind Imponderabilien, denen eben solche seelische Heilmittel gegenübcrstehen, viel feiner und unfaßbarer, als die physischen, von denen beim Moschus z. B. ein 320 Quadrillionstel noch eine Wirkung ausübt. Als derJüd" seinen Tod herannahen fühlte (1813), forderte er seine Freunde auf, für ihn zu beten, daß er das fünfzigste Lebensjahr und damit das Lekgwr sinwün erreiche; denn so würde er alle Juden des Westens wieder der Religion znführen. Das Letwar Han km ist das Minus von dem Kol knosia Io ,j68oi>urvuii, wovon es nach dem Talmud keine Rückkehr giebt. Aber schon R. Chain, ben Atar schreibt in Or UnLsiwsim zu 1'. Lellsinot II, 3,8, daß am Ende des Golns durch die Macht des Thorastudinms auch hier der Ulrur (Selection) in kabbalistischem Sinne möglich und beabsichtigt ist. So sagte man in Lublin von