306 —
dem „Jüd", daß er aus dem Olnm llnlollu längst verschollene Schichten psychischer Kohle, sogenannter Seelenstoffe, an's Tageslicht befördere. Aehnlich äußert sich R. Meir Apter, der Nachfolger des Sehers, in ?. Olluirnb zu dem Verse: V^6Qi8eiiicÄlg. n! 1rnfo8aIriinon („und blickt aus auf die Fläche der Wüste"). Es giebt Individuen, an denen Seelenstoffe aus dem Olnm Üntollu haften, die sie nicht los werden können. Dieselben gerathen dadurch in Seelenkämpfe und in furchtbarste Verzweiflung. Da ist es die Aufgabe des Zaddik, sein Auge auf dieselben zu richten und ihnen Hilfe zu bringen. Diese praktische Psychologie, eine weltfremde Wissenschaft, ist das eigentliche Feld des Chaßidismus und setzt die Kenntnis) der alten traditionellen Kosmogonie voraus. Aber auch ohne tiefere Kenntnis) derselben drängt sich die Betrachtung einschlägiger Ideen auf durch den bloßen Text der Thora und der Strafprophezeiungen Mosche's V, 51. Da wird am Eingangsthore Palästinas mit der neuen in der Wüste geborenen Generation der Bund für alle Nachkommen in alle Ewigkeit erneuert, und letztere werden für die Fehler der Väter verantwortlich gemacht, nachdem ihnen das Golus und seine Schrecken bis in die kleinsten Details, wie es seit fast 2 Jahrtausenden hinter uns liegt, vor das Auge gerückt worden. Schon gegenüber Ezechiel im babylonischen Eril murrten (18,2) die Unzufriedenen: Die Väter essen saure Trauben und den Kindern werden die Zähne stumpf; ebenso Jeremia 31,29. Nun findet man zwar in der modernsten Anschauung des Völkerrechtes, daß z. B. die Chinesen von heute für die Einfälle der Mongolen vor einem Jahrtausend Rechenschaft zu geben haben; das bietet aber keinerlei rechtliche Basis, ist vielmehr als instinktive Betrachtung der Einheit des Volksgenius zu erkennen, der als Kollektivindividnum für die einzelnen Jahresringe früherer Generationen ans der Verantwortlichkeit der als Blutkörperchen im Gesammtorganismus zu betrachtenden Einzelindividuen basirt. Das stimmt auch ungefähr mit der jüdischen Psychologie überein, wonach die Volksseele ein Kollcktiv- individuum bildet, dessen Theile, die einzelnen Generationen und Individuen, im Kreisläufe immer wechselnde Individualitäten annehmen, als Formen einer über die Zeit erhabenen Wesenheit. Sowie im Samenkorn der Eiche das Raum- und Zeitmaß der zukünftigen Höhe und des Alters des Baumes enthalten sein muß, da die Verhältnisse der Individuen der Gattung ebenso wie die Differenzen gegen andere, ans anderen Samen hervorgehende Gattungen die gleichen bleiben, so war Mosche am Sinai und vor seinem Tode das Kollektiv Israelis bis zu den äußersten Grenzen seiner Entwickelung. Das Gleichnis; gilt aber nur bis zu einer bestimmten Region. Wenn nämlich Israel am Sinai den vollständigen Anschluß an Mosche gefunden hätte, so wäre in demselben Zeitpunkte der vollständige Abschluß der Entwickelung erreicht worden, der nach dem Rückfall erst einen Kreislauf von Jahrtausenden dnrchznmachen hat.
Wir haben uns den Organismus als einen Baum vorzustcllen, der, sowie er Wurzel gefaßt hat, seine Wurzelsäden bis an die äußerste Peripherie ausstreckt, um den Kreis für sein Wachsthum abzustecken. Jede Generation zieht ans dem Erdreich Säfte, von denen ein Theil als Jahresring dem Baum einverleibt, der Rest für spätere Verarbeitung abgestoßen wird. So vererben sich die Rückstände von Generation zu Generation, so daß die letzten alle Residua von Anfang an zu bewältigen haben. Es bleiben also die widerspenstigen Elemente der Wüstengeneration, die Rotte Korach's, die Sünder vom Peor, von deren Rückfall Josua (22,17) sagt, daß er noch bis in seine Zeit nachgewirkt habe, die Götzendiener während der Richterzeit, Jerobeam und seine Nachfolger mit ihren Generationen usw. bis Elischa Acher, von dem der Talmud sagt, daß er dieselben Regionen erklommen habe, wie R. Akiba, durch sein trotziges Temperament zum Absturz gekommen, zum Verbrecher und Min geworden, nach seinem Tode ansgestoßen und