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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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nicht der Läuterung unterworfen worden sei, weil das Feuer seiner Thora viel stärker war, als das des Gehinnom (Art). R. Jochanan sagte mehr als ein Jahr­hundert später, daß er ihn nach seinem Tode mit sich nehmen würde, ohne Wider­stand zu befürchten.

Aber nicht nur der Talmud zeigt an einzelnen Stellen die Fenster, die in das Innerste der Kabbala führen; auch in der hl. Schrift finden wir trotz aller Zurückhaltung unter deren Hülle des Volksgespräches die Keime des ganzen Systems. So spricht die weise Frau aus Tekoa zu David:Denn Gott verschont keine Seele und erdenkt Pläne, damit kein Verstoßener von ihm verstoßen bleibe." Dagegen spricht Abigail zu ihm:Es wird die Seele meines Herrn angeknüpft sein an den Bund des Lebens bei dem Ewigen, Deinem Gott, und die Seele Deiner Feinde wird Er Herumschleudern im Kaf Hakala (Schleuder)", worunter nach Maimonides das 7N2 der Thora zu verstehen ist, die Strafe, in der die Seele von ihrem Volke abgeschnitten ist, wie dies auch ausdrücklich in der letzten Mahnrede Mosche's (V, 51) erklärt ist, daß die schweren Verbrecher nur unter sehr schweren Bedingungen auf Verzeihung zu rechnen haben, wobei die Androhung der Strafe Generationen bis zur letzten überspringt. Der Endzweck bleibt jedoch die Verzeihung und die Wieder­aufnahme der Verstoßenen. So vollzieht sich der Läuternngsprozeß des Golus durch die furchtbare Nacht des arischen Mittelalters hindurch.

So sehen wir Generationen frohen Muthes in den Märtyrertod gehen, während andere die Prüfung und die grauenhaften Qualen nicht bestehen, andere sich anslehnen, wiederum solche, die mit Gewalt oder in zartem Kindesalter von der grausamen Hydra verschlungen werden. Das sind dann Nachzügler, die auf die Gelegenheit warten müssen, wo die Thore geöffnet werden und auch sie Einlaß finden. Aber nicht bloß aui seelischem, sondern auch auf physischem Gebiete voll­zieht sich der Läuterungsprozeß, um die mannigfachen fremden Elemente abzustoßeu, die sich an das Haus Jakobs in Aegypten und Kanaan, wie auch zur Römerzeit vor Zerstörung des Tempels angeschlosseu haben.

Fassen wir alle diese Umstände zusammen, so finden wir die Erklärung, warum nach Epochen eines besonderen Aufschwunges die aufflammende Gluth sofort durch Anhäufung frischer Brennstoffe in Qualm und Rauch verhüllt wird, zuweilen auch ganz erlischt, so daß der öirur, die Selektion, auf's Neue beginnen muß.

So erklärt sich auch die Kluft, die zwischen aufeinanderfolgenden Generationen besteht, als ob dieselben durch viele Jahrhunderte von einander getrennt wären. Wir finden in dem seit langer, langer Zeit neu entwickelten Volksleben dieser Periode merkwürdige Anklünge, die in uns die in den Büchern der Könige schlummernden Vorstellungen der Zustände des Zehnstümmereiches bei der Spaltung zwischen Salomo und Jerobeam lebendig werden lassen: derselbe Rückgriff auf den Kleinheitszustand der letzten Richterzeit vor Samuel mit der Freiheit des Einzelaltardicustes (Ilumotll); Verhöhnung der Prophetie und Mystik; Mißachtung des Tempeldienstes und seiner Feierlichkeit; Verhöhnung der Levitenchore mit ihrer Gesühlsmusik: Mißachtung der unter dem NamenWeisheit Salomo's" berühmten Weltanschauung und Welt­weisheit; Verachtung der Legitimität, des Adels und der Würde; wilde Energie und rücksichtsloser Egoismus gegen Alle, die der Bereinigung nicht angehören. So wird unter den sehr spärlichen von R. Mendel bekannten Schlagworten, die sich durch Unscheinbarkeit auszeichnen, der Ansspruch 3. B. M. 32,53 kolportirt:Die Soldaten plünderten Jeder für sich", im Gegensatz zu den ^unausgesetzten altruistischen Er­mahnungen der Chaßidim, die in den farbenreichsten Variationen das Lasterhafte des Egoismus predigten, ein Wink mit dem Zaunpfahl, alle Sentimentalität fahren zu lassen. R. Jecheskel von Kazmir, einer aus der alten Schule, besuchte R. Akiba