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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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Eiger bei dessen Anwesenheit in Warschau, um ihn kennen zn lernen. Um sein Urtheil über ihn befragt, sagte er: Der Unterschied zwischen einem aschkenasischen und einem chaßidischcn Zadik ist derselbe wie zwischen Kandis- und Hutzucker. Der erstere ist sehr süß, theilt aber seine Süßigkeit dem Wasser nur sehr schwer mit, der Choßid hingegen löst sich ganz auf, zergehen soll er, wenn er nur seine Umgebung versüßen kann.

Der sascinirende Eindruck, die Suggestion, die R. Mendel auf seine Umgebung ausübte, beruhte vor Allem auf seiner außerordentlichen Talmudkenntniß, seiner abnormen Gedächtnißkraft und der eigenthümlicheu Behandlung des Stoffes, die an längst verschollene Methoden zu erinnern schien, so daß selbst sein als erste Autorität berühmter Schwager, R. Isaak Meir, dem der Koziniecer Magid eine Aehnlichkeit mit dem Tana R. Meir und dem Baal Hamaor (R. Serachia von Lunel) zugesprochen hatte, zu ihm im Verhältniß eines Schülers znm Lehrer stand. Diese erneuerte Auflage eines unheimlichen litthauischen Geistesapparates imponirte dem wahren Choßid jedoch ebenso wenig, wie etwa Jonathan ben Hyrkanos, der Schrecken der Tanaiten, R. Akiba's und seiner Kollegen, seinem Bruder R. Dosa imponirte. Während Jonathan in seiner Wildheit zu R. Akiba sagte, daß er noch nicht einmal ein rechter Kuhhirte sei, nannte der Nestor der Tanaiten, der seine Tradition auf den Propheten Chagai zurnckführte, seinen scharfsinnigen jungen Bruder das enknnt twrrible oder, wie der talmudische Ausdruck lautet, dookor skcknn,Erstgeborener des Teufels". Wegen einer ähnlichen Bezeichnung der ähnlichen Gelehrten dieser Klasse im ^oläot llo8sk war dieses Werk des ältesten Schülers des Balschemtow, eines der größten Gelehrten seiner Zeit, auf Befehl des R. Jecheskel Landau in Brody öffentlich verbrannt worden. Dieser große Gelehrte hatte von seinem Sitze in Prag aus dem Chassidismus die Rolle der zerstörenden Umwälzung prophezeit, welche die Reform, von deren vulkanischer Macht er keine Ahnung hatte, so gründlich mit Hilfe der vom Chassidismus bekämpften Rabbinergattung (Rapaport> übernommen hat, daß vom Judenthum in ihrem Verheerungskreise kaum eine Spur zurückgeblieben ist. Nun schienen diese Prophezeiungen in drohende Erfüllung übergehen zu wollen, seitdem die ursprüngliche Opposition durch ihren Anschluß an den Chaßidismus die Ober­hand zu erlangen gewußt hatte. Der Seher von Lublin hatte dieser Opposition die Arme geöffnet, im Gegensatz zu R. Elimelech und seiner Schule, die trotz ihrer Sanftmuth mit den Lomdim ihrer Zeit uicht paktiren wollten. So wurde R. Baruch Frenkel, ein sehr scharfsinniger Talmudist und enragirter Gegner des Sohar und des Chaßidismus, durch die energische, schärfste Gegnerschaft des R. Mendel Rymanower und des R. Abraham Josua Heschel Apter gezwungen, nach Leipnik auszuwandern, wogegen R. Jakob Isaak Horowitz auf die Klagen der Chaßidim über seine Angriffe antwortete:Seine Thora ist mir lieb." Diese Nachsicht hat die Gegner zu

Proselyten gemacht, die das durch Lollloll gekennzeichnete Programm des Chaßidismus schließlich vernichtet haben. Aber die Zeit der Austeilung des von seinen vor­geschobenen äußersten Flügeln aufgegebenen Chaßidismus war noch nicht gekommen. R. Mendel suchte seine Herrschaft nach dem östlichen Zentrum zu verlegen. Er reiste nach Lemberg, um die berühmten Gelehrten Oellingen und Ornstein zu gewinnen. Dort lernte er Rapaport kennen, dessen Gelehrsamkeit ihm imponirte und den er zu sich hinüberzuziehen vermeinte. Aber der große Schüler des seligen R. Uri, R. Juda Hirsch Strettener, eilte nach Lemberg und vercmlaßte den Abbruch der Beziehungen der Rabbiner zu ihm, so daß R. Mendel die Stadt verlassen mußte. R. Isaak Meir kntschirte die Pferde beim Wegfahreu, um den angesammelten Gaffern sagen zu können:Saget euren Rabbinern, daß der Balagole (Fuhrmann) besser lernen kann als sie." Das diese ewigen Uro-sk-oontru die Erhitzung nur steigern und der neuen Partei trotz oder gerade wegen ihrer Extravaganzen immer mehr Anhänger zuführcn mußten, war selbstverständlich. Während jedoch in Voten