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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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die Schule des Sehers von Lublin nach einer verlorenen Schlacht sich auf die Defensive beschränken mußte, trat in Galizien und Rußland der Chassidismus mit ganz neuen Kräften auf den Kampfplatz: R. Hirsch Rymanower, dem fein großer Lehrer R. Mendel, der Nachfolger des R. Elimelech, seine ganze Kraft übertragen hatte, und in Rußland R. Israel Friedmann, Sohn des R, Scholen: ben R, Abraham Hamalach, Sohn des Oberhauptes R. Dowber.

R. Hirsch Rymanower war der Erste und Einzige, der klipp und klar aus­sprach, was es mit der Gegnerschaft gegen Kotzk für Bewandniß habe.Es sind neue Ideen erstanden", wiederholte er jeden Sabbath durch ein ganzes Jahr,die behaupten wollen, daß für den Gottesdienst der bloße Gedanke genügt. Ich sage, daß der Dienst unverbrüchlich an Nnolisolroevoll, IMllrw und iVllw88lsi:, Gedanken, Sprache und Handlung, geknüpft ist, und ich nehme mir meinen Lehrer zu Hilfe; denn diese äeot n::>8olluko8ollot (verdorbenen Ansichten) müssen Kolo vvonoevoä (verschwinden und vernichtet werden) von der Welt." Von diesem Manne wußte alle Welt und zu seiner Zeit galt das Wort:Du sprichst ein Wort aus, und Er erfüllt es Dir." Es dauerte nicht lange, und der Kotzker, dessen Anhang tagtäglich wuchs, verfiel in Wahnsinn, mußte 14 Jahre lang bis zu seinem 1859 erfolgten Tode in einem Zimmer gehalten werden, das er nie verließ, und starb, von Mäusen geplagt. Diese erschütternden Thatsachen öffneten seiner nächsten Umgebung mit Gewalt die Augen, und zum Glucke waren Männer da, die wie zahme Elephanten den wilden in die Mitte nehmen konnten, so daß die düstere Episode ohne besondere Katastrophen ablief. Diese inneren Kämpfe erklären jedoch zur Genüge, warum der Chaßidismus, trotzdem ihm ganz außergewöhnliche Kräfte zur Verfügung standen, sein Programm, das ganze Jndenthum zu einer einheitlichen Disziplin und zur ein­heitlichen Rückkehr ans materialistischem Schlafe zum wachen religiösen Bewußtsein zurückzuführen, ebenso wenig durchsetzen konnte, wie im Alterthume die Propheten oder die Tannaiten. (S. Hos. 11,7.)

Die Periode der Reaktion von 18151831 bedeutete auch in dem fernen Waldwinkel des jüdischen Volkslebens den Stillstand der großen Bewegung, die mit dem Hinscheiden der gewaltigen Männer und Führer i. I. 1815 ihren Abschluß gefunden hatte. Das Katastrophenjahr 1831 mit seiner Epidemie, dem Erdbeben und dem polnischer: Revolutivnskriege hatte die letzten großen Führer zweiten Ranges von: Schauplatze des Lebens abtreten sehen. Aber die Elemente von 1789, deren Ausbruch die Ghettomauern umgestürzt Hatte, sollten sich zu einer neuen Kraftanstrengung sammeln, um die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Emancipatiou der Juden, kurz, die einmal in Fluß gebrachten Brenschenrechte dem Mittelalter endgiltig abznringen. Eine große Epoche erfordert große Männer, die hoch über das Niveau der Mittel­mäßigkeit ragen, und ganz besonders für einen so schutzbedürftigen Organismus, wie das Judenthum, dem die ungewohnte Luft der Freiheit im Westen mehr geschadet hat, als die Grabesluft des mittelalterlichen Kerkers. Die unverbrüchliche göttliche Verheißung vor Jahrtausenden an die Erzväter und Mosche bewährte sich auch an: Ende der Tage. Als R. Mendel Rymanower am 18. Jjar (Lag beomer) 1815 aus dem Sterbebette lag und cs schien, daß er seine reine Seele ausgehaucht habe, erhoben die Anwesenden und die Familienangehörigen ein derart herzzerreißendes Wehklagen, daß ihm das Leben auf die Dauer von 24 Stunden zurückkehrtc. In dieser Lage sprach R. Mendel über seine Seelenschicksale und seinen Stammbaum, wobei er die Aeußerung that, er erinnere sich, wie er den Kellaöltot geschrieben habe. Dann sagte er: Kurmi 8ellol: Io natarti (Meinen eigenen Weinberg habe­ich nicht gehütet"). Mau legt dies dahin aus, daß er seinen Kindern nichts hinter­lassen, dagegen sein ganzes Ansehen und sein Amt seinen: Diener R. Hirsch übergeben habe. Für den Chößid ist der Umstand besonders interessant, daß R. Scherira Gaon