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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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einen Ausflug macht. Man vergleiche damit die Schilderung, die Graf Xaver Branicki in seinem öruinu xokut^ von diesem R. Israel entwirft, die wegen ihres abgöttischen Beigeschmackes für den Juden ungenießbar ist, und stelle sich diesen Rabbiner in weißem Seidengewande, das durch eine kostbare Brillantbusennadcl und einen gold­gestickten Gürtel zusammengehalten wird, im goldstrotzenden Käppchen vor, so wird sich nur der einzige Anachronismus finden, daß derselbe anstatt des Szepters ein Pfeifenrohr mit kostbarer Bernsteinspitze in der Hand hält. Ein prunkvoll aus­gestatteter Palast in dem Städtchen RoLan (lies Rougean), kostbare Karossen mit feurigen vier Pferden in der Breite und eine eigens ausgebildetc Musikkapelle von Chaßidim vervollständigen das Bild, das einer Fata morgana gleicht, nur daß sie nicht im Sande der Wüste, sondern in dem unsäglichen altpolnischen Straßenkothe erscheint. Die Pforte öffnet sich. Die Karosse fährt vor, ihr folgen auf feurigen Rossen fünf Söhne des Rabbiners (der sechste wurde erst einige Jahre vor seiner Gefangensetzung geboren), Gesichter wie aus carrarischem Marmor, in militärischer Haltung und fürstlichen Allüren, wie man sie bei polnischen Juden für unmöglich gehalten hätte, in jüdisch-polnischer Tracht, die auch elegant sein kann und sogar in den Augen des Künstlers Gnade findet. Der Jüngste, R. David Moses, heute ein hochbetagter Greis, seit frühester Kindheit wegen seiner ganz besonderen Frömmigkeit gerühmt, ist der geschickteste Reiter, der alle anderen überholt.

Was soll das heißen? Sagt doch Maimonides in seinem Kommentar zu Sanhedrin, daß die Zeit des Messias nicht deshalb erwartet wird, um ans feurigen Rossen zu reiten, Weingelage bei Musik zu halten, sondern um geistiger und sozialer Errungenschaften willen. Aber die Worte des Maimonides müssen, so gut es geht, in die Worte Jeremiäs (17, 24) eingefügt werden:lind wenn Ihr mir gehorchen werdet, keine Lasten am Sabbath in die Thore dieser Stadt hereinznbringen und den Sabbath zu heiligen, ohne irgend welche Arbeit an demselben zu thun, dann werden in die Thore dieser Stadt kommen Könige und Fürsten, die auf dem Throne Tavid's sitzen, in Wagen und auf Pferden reitend, sie und ihre Fürsten, Männer von Juda und Jerusalem." Diese scheinbar kleinlichen äußerlichen Lebenssymptome verschmäht also der Prophet keineswegs; er kündigt sie sogar als Lohn für die Heiligung des Sabbaths an. Es drängt sich nun die Dvppelfrage auf: Was sagten die Juden dazu und was die Nichtjuden? Da war zuerst Xeäu8e1w8 Ein

Berdyczewer Reicher, Urenkel des R. Moses Jsserles, hatte sich den verwaisten R. Israel zum Eidam erkoren. Derselbe war sechs Jahre alt, als er mit seiner Mutter nach Berdyczew zur Verlobung reiste. Beim Empfange ließ der künftige Schwiegervater sämmtliche Chederkinder der Stadt vor dem kleinen Israel Spalier bilden.' Als er später ins Gefängniß wandern mußte, sagte er, er sei sich keiner anderen Bünde bewußt, als daß er während dieses Empfanges einen Anslug von Arroganz bei sich verspürt hätte. Der Empfang, den ihm der heilige Greis R. Levy Isaak bereitete, war ein derartiger, daß seine Autorität schon als Knabe dadurch die höchste Weihe erlangt hatte. Der älteste und einzig überlebende Rabbiner der großen Versammlung in Polen, R. Abraham Josua Heschel in Medziborz, begründete jedoch seine Herrschaft auf Schritt und Tritt. Als er ihn auf der bereits geschilderten Hochzeit in Ostila traf, wo alle bedeutenden Rabbiner versammelt waren R. Israel war damals etwa 17 Jahre alt und diesem sich der Gürtel löste und zur Erde fiel, bückte sich der 70jährige Greis Angesichts der ganzen Versammlung, hob den Gürtel auf, umgürtete R. Israel und sagte:Man hat mich vom Himmel mit Oklilu

(Umgürtung eines Sefer Thora) beehrt". Bei einem anderen Zusammentreffen, bei welchem R. Israel in einer Tuchkapotte nach modernem Schnitt erschienen war, eine unerhörte Neuerung, sagte R. Heschel:Das ist ein iUsieell Urnei, der meine Augen erleuchtet. Ich habe uoch nie die ganze Thora mit Talmud Babli und