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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
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Jeruschalmi, Sisrü, Sifn und Toßesta in eine Tnchkapotte eingewickelt gesehen, wie bei ihm. Von den Schriften des gar nicht zu reden; die sind ihm geläufiger als uns das Aschregebet." Eine derartige Semicha mußte alle Zweifel verstummen machen. In seiner Gegend Ukraine und Volhynieu gab es überhaupt keine Gegner des Chaßidismus mehr, der eben die Alten gänzlich verdrängt und sich seit nahezu einem Jahrhundert- unter den damaligen Verhältnissen hieß das fünf bis sechs Generationen im Volke festgesetzt hatte. Weiteste Gastfreundschaft, brüderliche Liebe, offene Hand und glaubensstarke Ueberzeugung zeichneten den südrussischeu Juden vor allen anderen aus. Mit durchdringendem Verstände, frei von gelehrtem Ballast und nicht philosophisch noch mystisch angekränkelt, war es das fügsamste Material für diese nationale Entwickelung.

In Litthauen hatten die Nachfolger des Gaon so leidlich ihren Frieden mit dem Chaßidismus geschlossen, da sie sich von Tag zu Tag von den wüthendsten Feinden des Judenthums, den sog. Neuhebräern, bedrängt fühlten, die sich aus ihren Jeschiboth rekrntirten. Dafür verdoppelten diese ihre Anstrengungen, um die Regierung gegen die neue Bewegung aufzustacheln, die ihnen als nationaljüdische noch unendlich verhaßter war, als das bloß konfessionelle und gelehrte Judenthum. Bei Kaiser Nicolaus, der ein fanatischer Feind des Judenthums war und es nach Niederwerfung des polnischen Aufstandes 1831 auf die Juden abgesehen hatte, fanden sie williges Gehör. Da er sich nicht scheute, den Müttern die Kinder zu entreißen, und sie gewaltsam zu taufen, oder die Widerstrebenden in die ur68tg,nk8irn rola. nach Sibirien in den sicheren Tod zu schicken, so mußte er an dem Oberhaupt einer sogenannten national-jüdischen Bewegung einen Kapitalfang machen. Das Martyrium der Enkel des R. Pinchas Schapira von Korretz, der Buchdrucker von Slat^uta, habe ich bereits geschildert. Ein kleinerer Chaßidimrabbi, R. Michal, wurde arretirt und mit einer Russin, wahrscheinlich einer politischen Verbrechern!, zusammengeschmiedet, um mit einer Eskorte von sechs Kosaken nach Sibirien verschickt zu werden. Aber die Juden ließen ihre Rabbiner nicht so leichten Kaufes in die Verbannung schicken. Der Weg führt an der Grenze vorbei. Fünfzig jüdische Schwärzer überfielen die Kutsche, es wurden Schüsse gewechselt, es gab auf beiden Seiten Todte und Ver­wundete, aber die Kosaken mußten flüchten. Man befreite den Rabbiner und ver­steckte ihn in einen hohlen Baum, in den man nur von oben gelangen konnte, einen nur den Schwärzern bekannten Unterschlupf, gab ihm etwas Zucker mit und verbot ihm jede Bewegung, bis man ihn abholen würde. Die Schwärzer verschwanden, und bald kam eine große Abtheilung Kosaken, die den Wald durchschwärmten und wiederholt an dem Baume vorbeikamen. Das dauerte so drei Tage. Endlich waren sie weg, und bei Nacht zogen die Schwärzer den R. Michal aus dem Verstecke und brachten ihn nach Galizien hinüber, wo ihm aber aus Furcht vor Rekriminationen der Regierung kein Rabbi Unterkunft gewähren wollte, bis man ihn nach Rymanow zu R. Hirsch brachte, der keine Menschcnfurcht kannte, ihn heilte und dann nach Ungarn begleiten ließ, wo er sich in Kereme in Ruhe niederließ. Die Daumenschrauben- spnreu auf den Händen wollten aber nicht verschwinden.

Ungleich schwerer war es jedoch dem russischen Machthaber, der Europa beherrschte, einen Mann vom Range des R. Israel zu entreißen.

Als seiner Zeit der Unv auf die Peterpaulsfestung gebracht wurde, war es ihm ein Leichtes, namentlich den jungen, zum Mystizismus neigenden und nicht grausamen Alexander I. zu überzeugen, daß seine Thütigkeit eine rein didaktische sei und die ihm angedichtete Rolle auf Denunziation beruhte. Bei R. Israel war das nicht möglich. Der alte R. Heschel hatte ihn in den höflichsten Worten gefragt, warum er einen ganz neuen Weg eingeschlagen, den seine Vorfahren nicht betreten hatten. Er schickte dabei die Entschuldigung voraus, daß ihm die Absicht fern läge,