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Der Chaßidismus : eine kulturgeschichtliche Studie / von Verus
Entstehung
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weil der Osten, im Raume zuerst beleuchtet, mit der Vorzeit einen Parallelbegriff bildet. Jakob verkörperte in sich den ganzen, ihm entstammenden Organismus des Judenthums für alle Zeiten, in welchem wir, die spätesten Generationen, die von dem Lebensgeiste des Hauptes so weit entfernt sind, gleichsam die Füße bilden. Als Jakob ins Exil flüchtete und nach der Traumoffenbarung der Himmelsleiter mit prophetischem Auge die künftigen Schicksale seiner Nachkommen vor sich sah, da erhob er seine Füße das sind die untersten Generationen der Spätzeit, die so nahe Nachbarn des Erdenstaubes sind, dadurch, daß er sie an die Vorzeit anknüpfte, durch Individuen, deren Geist die Verbindung der Fußnerven, symbolisch gedacht, mit dem räumlich und zeitlich weit entlegenen Gehirne aufrecht erhält."

Dieser tiefe Gedanke durchzieht in den mannigfachsten Variationen die ganze chaßidische Litteratur. Er bildet, wenn der Ausdruck richtig gewählt ist, die Antithese zu der Decadenzthese des Talmud, in welcher die historische Entwickelung in absteigender Richtung immer Schwächeres anfweist. Von Mosche zu den Propheten, vom ersten Tempel zum zweiten, von den Tanaim zu den Amoraim, Saboraim, Gaonim bis zur eigentlichen Diaspora, so daß die immer enger werden­den Kreise sich schließlich dem unscheinbaren Punkte nähern Diese Decadenz

verwandelt sich aber in das Gegentheil, in Fortschritt, durch den .locker, die grade Linie des Durchschnitts, der, vom Centrum aus die Kreise bis an die äußerste Peripherie durchschneidend, die Harmonie zwischen Anfang und Ende herstellt.

So finden wir in diesen äußersten Jahresringen des jüdischen Baumes, die so weit von dem uralten Centrum des Judenthums entfernt, von einer Rinde hellenischer, romanischer, germanischer und slawischer Staubschichten bedeckt sind, die Markstrahlen, die aus dem Lebenskerne die Ringe durchbrechen und unver­änderte Lebenskraft an die Peripherie führen. Es fällt sehr schwer, diese merk­würdigen Männer, in denen diese Imponderabilien verkörpert sind, den impressionistischen Eindruck ihrer meteorartig austauchenden Persönlichkeiten nach ihrem Verschwinden zu schildern. Es fiel ihnen selbst schwer, ihren in Materialismus und Gedrücktheit aller Art in Lethargie^ versunkenen Zeitgenossen, sich verständlich zu machen, und unter den verschiedenartigsten Wegen, die sie dafür einschlugen, war der des R. Meir Przemyslaner der seltsamste. Ein Mann der äußersten Askese, dessen Körper durch das Fasten nur aus Haut und Knochen zu bestehen schien, dessen Matratzen Steine und Ziegel bildeten, waren seine Aeußerungen in einen so eigenthümlichen Humor gekleidet, der sich gar nicht wiedergeben läßt, stärker als der des R. Jercmia, der nicht im Stande war, R. Sera zum Lachen zu bringen während dieser einen Engel außer Fassung zu bringen geeignet sein könnte.

Als verhältnißmäßig harmlos läßt sich seine Persiflage der äußerlichen Werkthätigkeit des Philisters wiedergeben, der durch gedankenlose Ceremome die innere Andacht zu ersetzen sucht. So wendet er die Verse Echa III, 13 auf den Gebrauch des Kaporesschlagens vor Tagesanbruch des Erew Jom Kippur an! Mn uMver, ich bin der Mann, der Elend erlitt n. s. w." Oorvor ist die alt­hebräische Benennung des Hahnes. Derselbe beklagt sein Schicksal: Mich führt er in der Finsternis;, bevor der Morgen anbricht. Mir biMestnb, wenn er vermeint, nur durch mich T686lluda (Buße)' thun zu können, Mnpoest Mo llol Mom, so mag er den ganzen Tag mich umdrehen, es wird ihm nichts nützen.

Wer ihm gegenüberstand, dem verging die Lust zum Lachen. Die trotzigsten, verwegensten Männer konnten die Furcht nicht ertragen, die er um sich verbreitete. Jenen Männern ging der furchtbare Ernst der Lage des jüdischen Volkes keinen Augenblick ans dein Sinne. Aber man darf nicht in den gefährlichsten aller Fehler, den.Pessimismus, verfallen. Man muß nur wisse», wie derJnd" von Przysucha