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Dieses salomonische Gleichniß ist charakteristisch durch seine Vielseitigkeit. Erstens charakterisirt es R. Israels Verhältniß zu seinen drei Vorgängern, R. Dowber, R. Abraham und R, Scholem. Zweitens schließt er sich an die Terminologie des Sohar an, der die Sphäre .Unlelnit mit dem Ausdruck: „Scheibe, die alle Lichter ausnimmt/' ^2 XNL'L'V) benennt, im Verhältnisse gegen die
vorangehenden „OhwMt," lN"^N). Drittens zeigt er die drastische Ausdrucksweise, welche ganze weitschweifige Abhandlungen der Chabad über dasselbe Thema mit einem Blitzstrahle in ein glänzendes Vorstellungsbild zusammenschmelzen läßt.
Das Geheimniß der Geheimnisse, wie die moderne Naturanschauung das Problem der Fortpflanzung nennt, ist auch in der Mischna Chagiga II in eine Reihe mit dem Geheimniß der Kosmogonie und der Theosophie gestellt. Die Heiligkeit der Ehe als Grundlage der Familie und ihres erweiterten Begriffes, des Stammes und der Nation, ist seit Abraham das Fundament des Judenthums und gleichzeitig der Dorn im Auge der babylonischen Priester des Melittakultus und ihrer klerikal-atheistischen Nachfolger im Laufe der Jahrtausende.
Weder schriftliche noch mündliche Tradition von Zeltalter zu Zeitalter sind im Stande, den Typus der Volksseele ohne die merkwürdige natürliche Reproduktion des dem Wechsel der Zeiten verfallenden Individuums lebendig zu erhalten, die im Unbewußten hoch über den Verstandes- und Vorstellungskräften wurzelnden Erinnerungsfäden der Sehnsucht nach der ursprünglichen Heimath weiterzuspinnen, wie es R. Israel Balschemtow in seinen Betrachtungen zum Neujahrsfeste verlangt, daß sich der Jude in die Gemüthsstimmuug seiner Väter am ersten Neujahrsfeste nach Zerstörung des Tempels zurückversetze.
Andererseits hat es in der Judenheit niemals an Materialisten gefehlt, in deren Geist und Gemüth diese Ideale keinen oder einen höchst beschränkten Platz fanden.
Auch diese Degeneration führt der Talmud auf dieselbe Ursache der Vererbung zurück zum Verse Ezech. 20, 35: „Und Ich werde aus Euch absondern die Meuterer und die Abtrünnigen" bemerkt: Das sind die Söhne der 9 Modi
(7U1Q >'^), bei denen die Erhaltung des Geschlechtes durch Verstoß gegen die religiösen Ehevorschriften oder die ethische Reinheit aus dem Wege der bloßen viehischen Leidenschaft vollzogen wurde. Das will auch der Schulchau Aruch unter Reinheit des Adels im Judenthume verstanden wissen, und wenn schon R. Baruch, wie erwähnt, den Vater des R. Israel, R. Scholem Pohorobyster, wegen seiner Vererbung des Adels auf seine Nachkommen bewundert hatte, so erreichte dieselbe ihren Höhepunkt in diesen seinen sechs Enkeln, von denen ich drei persönlich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe.
Der älteste R. Scholem Josef, ganz das Ebenbild seines Vaters, überlebte den Schmerz über dessen Hinscheiöen nicht um ein volles Jahr. Er starb an einer Herzkrankheit, die in der Form von Heimweh und verzehrender Sehnsucht diagnosticirt ist, auf der Reise von Karlsbad am 11. Elul 1851. Die seltene Hoheit seiner Erscheinung ließ die Chaßidim, die so große Hoffnungen auf ihn gesetzt hatten, seinen Verlust noch schmerzhafter empfinden, als den seines Vaters.
Die Nachfolge Beider übernahm sein zweiter Bruder R. Abraham Jakob Friedmann in Sadagora, der in einer merkwürdigen Fügung nach einem glorreichen Leben 32 Jahre später am selben Jahrestage, am 11. Elul 1883, seinem Bruder in
die Ewigkeit folgte.
Der Talmud Rosch haschana 11 bemerkt, daß G. me Tage der Zadikim von Datum zu Datum zählt. Um so merkwürdiger ist es, daß die zwei im Alter nächstfolgenden Brüder, R. Ber und R. Nachum, der Letztere ain 14. Kislew 1870,