Heft 
(1927) 36
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BRANDENBURGIA

A. Geographisch- historische Einführung.

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Mit seinen klammartigen Schluchten, träumenden Seen, seiner reichen und seltenen Flora, mit seinen ,, altgermanischen Königsgräbern", dem sagenhaften ,, Semnonenstein" und Teufelssitz gilt der 35 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegene märkische Zauberwald Blumenthal- im Volksmunde ,, der Blumenthal" genannt als ein hervorragendes Na­turdenkmal, nicht bloß der Mark, sondern des ganzen norddeutschen Flachlandes. Die beiden parallelen, steilwandigen Haupttalzüge mit ihren zahlreichen tiefen Rinnenseen, die im Blumenthal als Gamen- und Latt­grund ihren Anfang haben, bieten landschaftliche Reize, die lebhaft an Punkte des Harzes und Thüringens erinnern. Als herrlichster Punkt gilt der Gamengrund mit dem klammartig eingebetteten Smaragdauge des stillen, schwermütigen, 30 m tiefen Gamensees; davor die historische Elfenwiese des Dichters Schmidt von Werneuchen. Wildromantischer ist der inmitten tiefschattigsten Laubwaldes ganz versteckt liegende Seekessel der Piche mit 56 m hohen Steilwänden. Wer ein Herz hat, das sich dem stillen Zauber dieser reichen Natur öffnen mag, der hat an dieser Stätte gar viel zu tun. Sattgrüne Eichen- und Buchenhaine säu­men die Berghänge, und dunkle Tannen ziehen sich zur Höhe em­por; droben durch das Wipfelmeer der Baumriesen rauscht wie Orgelton des Waldes uraltes Lied. Durch das Geäst fällt auf meterhohe Farnkräu­ter in gebrochenen Linien blinzelnd das Sonnenlicht, Hummeln summen um die Blüten der kleinen Bergwiesen, auf der Wasserfläche des Piche­sees tanzen stahlblaue Libellen, darüber huschen zahllose bunte Schmet­terlinge. Und welch ein gewaltiges Panorama erschließt sich hoch oben in lichter Höhe dem trunkenen Blick! Wohin das Auge schaut, das Wipfel­meer eines tausendjährigen Waldes, in sanften Wellenlinien allmählich gen Süden sich abdachend zum Spreetal, von wo die Türme Strausbergs aufragen und die schwarzen Rauchschlote Rüdersdorfs aufschimmern. Fern im Westen erscheinen in nebelhaftem Schleier die Konturen Berlins.

Quer durch den Blumenthal führt von Tiefensee nach Prötzel die 1834 erbaute ,, Spiritus- Chaussee"; die Hauptstraße im Blumental war aber früher die Alte Berliner Straße( Wriezen, Sternebeck, Heidekrug, Werneuchen, Berlin), ehemals eine Haupthandelsstraße der Wriezener Oderfischer, die wöchentlich ein- bis zweimal, zur Fastenzeit noch öfter, Berlin mit Fischen versorgten, später, nach Urbarmachung und Koloni­sation des Oderbruches, ein Viehtreiberweg, heute, besonders nach Erbauung der Eisenbahn Berlin- Wriezen, eine unheimliche, verödete Straße. Wohl führen noch andere Wege durch dieses weite Waldgebiet, aber sie sind ebenfalls verwachsen, öde und tot. Stundenlang kann man wandern, doch nur äußerst selten wird man einem Menschen begegnen. Nur Sonntags wirft die Riesenstadt Berlin Scharen von Ausflüglern auch hierher.

Interessant ist das Urteil des englischen Archäologen Professor Dr. Wickes, das er 1870 fällte und das noch heute zutrifft-, als er im