Heft 
(1927) 36
Seite
35
Einzelbild herunterladen

35

gen

och

gen

ots­

aler

ihr­Hau­

Aus­

eren

sche

enst­

- , dazu

erle

auch

h spro­hätte

h

seinem trockenen Kommißbrot begnügen müssen, und so haben die Berliner Dienstmädels so manchen armen, in der Großstadt hilflosen, halbverhun­gerten Kerl in des Königs Rock stramm herausgefüttert und einen freund­lichen Schein in sein Leben geworfen, und das soll und muß ihnen unver­gessen bleiben. Teuer waren unter anderem die Herren Photographen. Für ein Dutzend Bilder kleinen Formats, Kabinett gab es erst später, mußte man 5 bis 6 Taler bezahlen. Ein pikfeiner Herrenanzug kostete 25 bis 30 Taler; wer Droschke fahren wollte, zahlte für die Tour 5 Groschen, für die doppelte gar nur 6, nahm er einen Dienstmann, mußte er für einen Gang 2% Groschen entrichten, und die am Jahresschluß überall fälligen Trinkgelder an Briefträger, Milchmann, Kohlenträger, Laternenanstecker und Schornsteinfeger betrugen pro Empfänger 5 Groschen, die mit zu­friedenem Dank angenommen wurden. Noch bleibt eine Größe jener Zeit zu erwähnen, die allerdings mehr umfangreich als hochstrebend war, die Krinoline! Man kann sich heute diese Ungetüme mit dem besten Willen nicht mehr vorstellen; sie versperrten die Straße, sie hinderten beim Ein­steigen in Droschkenwagen, sie machten das Passieren nicht sehr breiter Türen unmöglich, und für zwei mit ihr angetanene Damen war das Nebeneinandersitzen auf einem Sofa ganz unmöglich. Die Witzblätter spotteten über sie, die Männer verhöhnten aber bezahlten sie, und so ein Ding war nicht billig; unter 6 bis 8 Talern war keines zu haben, und es gab deren darunter, die eine Rockspannweite von sage und schreibe 10 Metern erforderten. Ja, auch die Frauen schalten auf sie, nannten sie ein blödsinniges Kleidungsstück und trugen sie doch alle, alle. So un­glaublich es klingen mag, die berühmte geniale Schauspielerin Hebbel er­schien auf dem Theater in Weimar als Brunhilde mit einer ungeheuren Krinoline, und kein Mensch fand etwas dabei. Und noch eine Leiden­schaft der Damen von 62 sei hier verraten, das Stammbuch, vornehmer Album genannt. Jedes junge Mädchen vom 12. Jahre ab, oft noch früher, mußte sein Stammbuch haben und hatte es, in das sich ihre guten Freunde und Freundinnen alle eintrugen. Den Anfang machten natürlich Papa und Mama mit einer weisen Lehre, dann kam irgend eine alte Tante mit einem frommen Spruch, und nun machte das Stammbuch die Runde bei allen Bekannten, die oft das blödsinnigste Zeug hineinschrieben. Verse, wie ,, Kühe welken, Rosen melken, aber unsere Freundschaft nicht" waren. nichts Seltenes, und eine Blumenlese aus den Stammbüchern jener Zeit würde manches Erbauliche zutage fördern. Das gesellschaftliche und politische Leben in Berlin war 62 ein ziemlich lebhaftes. Lieblinge der Berliner waren Helmerding, Reusche, Anna Schramm und die leider zu früh gestorbene Ernestine Wegner; natürlich schwärmte jeder Berliner und jede Berlinerin für irgend einen Schauspieler an irgend einem Theater. Ihre Verehrungen gingen also nicht immer auf den gleichen Gegenstand; in ihrem Hasse aber waren sie sich alle einig, und der Gegenstand ihres Hasses hieẞ Otto von Bismarck und war der Ministerpräsident König Wilhelms I.