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Die Tiene.
Von Konrektor Karl Krause.
Die Tiene stand im Mittelpunkt des Obstverkehrs zwischen Werder und der Reichshauptstadt, und zwar während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Wenn der Verfasser über diese Zeit dem lebenden Geschlechte erzählen möchte, so tut er es um so lieber, weil er als geborener Werderaner mit seinen Kinderbeinen mitten in diesem Leben und Treiben stand, ja selbst regen Anteil daran nahm und mit empfänglichem Gemüt alles in sich aufnahm, was der Tag bot und die Kinderaugen sahen.
Die Tiene, die im Aussterben begriffen ist, weil sie durch den Spankorb überholt ist und als festes, trockenes Holz während des Weltkrieges und der Inflation willkommene Verwendung als Brennmaterial fand, war Jahrzehnte hindurch dasjenige Gefäß, in dem das Obst von Werder nach Berlin verfrachtet wurde. Man unterschied Himbeer- und Kirschtienen. Beide waren aus Eichenstäben gefertigt, die durch Birkenbänder zuletzt durch Metallreifen zusammengehalten wurden. Die Himbeertienen waren die größeren und hatten im allgemeinen einen oberen Durchmesser von 45 Zentimetern und eine Höhe von 35 Zentimetern. Sie durften niemals ,, spack" sein, d. h. es mußte Sorge getragen werden, daß die Stäbchen nicht austrockneten, weil sonst der Saft- denn es ist klar, daß die reife Himbeere infolge ihrer eigenen Schwere sich z. T. selbst auspreẞt zwischen den entstehenden Fugen heraustropfte. Deshalb mußten die Himbeertienen stets hele" oder„ helig"( heil)*) gehalten werden. Aus diesem Grunde veranlaßte der Vater uns Kinder, die Gefäße in die am Garten vorüberfließende Havel zu tauchen und mit Steinen zu beschweren. In unseren Muẞestunden lockten uns Kinder diese großen Tienen zu einer heiteren Gondelfahrt rings um den nahen Kahn. Mit kühnem Satz wußten wir uns zu retten, wenn das schwanke, winzige Boot plötzlich unter unseren Füßen versank. In den Kirschtienen, die kleiner waren und in Höhe und oberer Breite etwa 35 Zentimeter maßen, wurden außer Kirschen auch Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Pfirsiche und Aprikosen versandt.
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Beiden Arten von Tienen gemeinsam und gleich war die Signatur derselben. An langen Winterabenden wurde zwischen dem oberen und unteren Holzband rings um die Tiene der Name des Eigentümers mehr oder weniger kunstgerecht eingeschnitten und die Buchstaben wohl noch durch Farbe kenntlicher gemacht. Später, als sich die Betriebe vergröBerten, wurde der Name mit Hilfe eines Brenneisens eingebrannt. Die bekanntesten Namen dieser Zeit waren: Rietz, Kagel, Kärger, Körber, Seiler, Schweingruber, Krause, Mai, Wendt, Behrendt, Hinze, Möwes, Kassin, Plettenberg.
Der obere Rand trug das ,, Wappen" der Familie. Es war das ein Zeichen, welches der Phantasie des Vaters oder Großvaters entsprungen
*) In der Niederlausitz„ biene".
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