Heft 
(1927) 36
Seite
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war und sich nun weitervererbte. Drei rote Striche schräg rechts, drei rote Striche schräg links abwechselnd rings um den Tienenrand war war das Wappen der Familie des Verfassers. Kreise, Ringe, Sterne, Striche in den verschiedensten Anordnungen und in allen Farben wurden gewählt. Not­wendig war diese Kennzeichnung, weil ja eine Verwechselung der Tienen auf ihrer Wanderung zwischen Werder und Berlin vermieden werden mußte. Denn wenn nach einigen Tagen die leeren Tienen in der, Zille", geschleppt vom allbeliebten Raddampfer Wilhelm I.", zurückkamen, so lagen sie bald am Ausladeplatz unmittelbar neben der Havelbrücke hoch aufgetürmt bunt durcheinander. Jeder Obstzüchter mußte aus dem Chaos seine Tienen heraussuchen, und zu diesem Zweck trugen sie in möglichst leuchtenden Farben das wohlbekannte Familienzeichen.

Verschlossen wurden Himbeer- und Kirschtienen mit Tienenlappen. Das waren Lappen aus aus grober Sackleinewand, auf denen mittels Schablone der Name des Eigentümers aufgetragen war. Befestigt wurden diese Lappen am oberen Rande der Tienen mit Hilfe von Binsenbändern und später durch Bindfäden. Die Binsen, die an den Ufern der Havel reichlich und in geschlossenen Beständen wachsen, wie es ja bekanntlich dieser Wasserpflanze eigen ist, wurden geschnitten, getrocknet, zum Ge­brauch aufgeweicht, zu mehreren gedreht und dann als wohlfeiles und haltbares Bindematerial verwendet.

Verschieden war im Laufe der Jahrzehnte die Größe der Tiene. Zuerst buttenförmig, wurde sie später nach unten hin immer schlanker. Denn da anfänglich weder nach Inhalt noch nach Gewicht verkauft wurde, sondern eben nur tienenweis, so lag es auf der Hand, daß man am Inhalt zu sparen suchte und der Tiene nach unten zu eine immer spitzere Form gab. Es kam daher zu fortgesetzten Reibereien zwischen Käufern und Verkäufern. Die Berliner Höker wurden vorsichtig und wollten aus neuen Tienen nicht mehr kaufen, weil sie Uebervorteilung witterten. Die lieben Werderaner wußten sich zu helfen und tauchten die neuen Tienen vor dem Gebrauch in eine Kupfervitriollösung, wodurch sie der Tiene ein altes Aussehen geben wollten. So ging es nicht mehr weiter. Die Behörde griff ein, und die Tienen mußten geeicht werden. Das Tienenobst wurde, wie es schon früher mit den Himbeeren geschehen war, hinfort nach Ge­wicht verkauft. Ein Obstzüchter besaß je nach der Größe des Betriebes 200-600 Tienen. Die Gefäße wurden beim Verkauf in Berlin ohne Pfand mitgegeben und am andern Tage von den Obsthändlern wieder abgeliefert. Da aber manche Tiene bei schlechtem Geschäftsgang wohl einzeln ver­kauft wurde, ihren Weg aber in der großen, fremden Stadt allein nicht zurückfand, so mußte der Bestand alljährlich ergänzt werden. Der Preis für eine neue Tiene belief sich auf 0,75 Mark.

Die Tiene ist, wie schon oben gesagt, selten geworden. Sie ist so recht ein Beispiel für den Wechsel und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Während sie vor 50 Jahren den Obstmarkt beherrschte und an der Fried­richsbrücke zur Seite des alten Domes zu vielen stolz aufgerichtet sich und das köstliche Obst zur Schau stellte, ist sie heute zum elenden Müll­