Heft 
(1928) 37
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ein weit gewanderter Chronist rühmt um 1800 die Wachower Bauern als hervorstehend durch Bildung und weiten Blick," so erzählte Kotzde¹). Aber zu Anfang des 19. Jahrhunderts vernichteten Brände, Mißwachs, Mäuseplage und die Franzosen den Wohlstand der Bauern, und der harte Sie verloren Schicksalsschlag traf auch die Vorfahren des Dichters. ihren Bauernhof. Dies alles schildert er in seinem prächtigen Roman ..Wilhelm Drömers Siegesgang"( 1913; 2. Auflage 1920). Künstlerische Neigung und Begabung hatte schon der Urgroßvater, dessen Geigenspiel im Havelland begehrt war; sein Großvater und sein Vater schrieben plattdeutsche Verse und die Söhne sind Bildhauer. Der Großvater mütterlicherseits, Lehrer Seiffert in Riewendt, eine starke, gottesfürchtige Natur, war vertraut mit den alten Märchen, Sagen und Liedern und hat einmal in einer Nacht, da er von Wachow über die Klinkbrücke ging, die wilde Jagd erlebt. Vor dem Riewendter Schulhause rauscht noch heute die Linde, die er gepflanzt hat. Als Kantor las er manches Mal, wenn der Prediger nicht kommen konnte, unter der ,, Traueiche" auf dem Vorwerk Linde die Predigt vor. Was Wilhelm von der Mutter Lust zum Fabulieren an wertvollem Volksgut von Sagen und Märchen in der Schummerstunde vernahm, das hat er in seinem ,, Wode Brausebart" ( 1909; 3. Aufl. 1923) verwertet.

Früh führte ihn der Vater in die deutsche Literatur ein, der Ge­dichte von Goethe, Schiller und Bürger in großer Auswahl auswendig wußte und während der Fahrten über Land, auf denen Wilhelm ihn be­gleitete, seinem Sohn vortrug. Ein Pfarrer aus dem Nachbardorie Tremmen hatte mit seinen Bauern Dichter der Zeit gelesen und gelernt, und Wilhelm lernte viele Leute kennen, die noch im Alter diesen Schatz ihr eigen nannten, z. B. einen Kuhfütterer, der die Lenore" und die Bürgschaft" noch vollständig aufsagen konnte. Uebrigens habe ich als Knabe selber solche schönen Beispiele kennen lernen: ein Bäcker z. B. in Liepe am Finowkanal pflegte beim Teigkneten Schillers ,, Glocke" vollständig aufzusagen; als Neunjähriger habe ich sie bei ihm in der Backstube gelernt. Wilhelm wußte gegen 40 Gedichte auswendig und trug sie den begeistert zuhörenden Bauern vor. Diese Welt schildert er in seinem ersten Erzählungsbande ,, Kleine Leute, Geschichten aus der Heimat"( 1905; 2. Aufl. 1909).

Es kam die Schulzeit auf dem Realgymnasium in Nauen, wo der jedem Heimatforscher bekannte Geschichtslehrer, Professor Dr. Bardey, ihn stark anregte. Wenn er in den Ferien nach Hause zurückgekehrt war, durchstreifte er mit wissenden Augen die Heimat; der Lötz mit seinem Reichtum an seltenen Blumen und Pflanzen, an Vögeln und sonstigem Getier war ein Paradies für ihn. Der Sohn des Fischers Wagenitz am Riewendt- See und ein treuer Hund begleiteten ihn auf diesen wonne­

1) Mein Dorf. In: Der christliche Erzähler. Verlag von C. Bertelsmann, Gütersloh. Bd. 2, Heft 5, S. 11 bis 15(= 139 bis 143 des Bandes).