Heft 
(1917) 25
Seite
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Zur Besiedluugsfrage '1er Provinz Brandenburg im 12. Jahrhundert. 53

gingen dabei von den im Lüneburger Wendlande gebräuchlichen und von: Leibnitz 10 ) überlieferten Ausdrücken Dörnße, Dorinzen und Dwarneiz für Stube aus. Das hat etwas Bestechendes an sich und wird noch gestützt durch die von Rhamm vorgeschlagene Zurückführung auf das slawische dvor- nica, dvor = Hof 11 ). Auch das von Schmeller im 11. Jahrhundert an der bayrischen Slawengrenze festgestellte turniza spricht anscheinend für diese Heikunft. >_

Es sprechen aber doch auch erhebliche Gründe gegen diesen Ursprung. Wie soll mar. es erklären, daß die Dörnse vom Osten über Hannover,. Westfalen und Ostfriesland bis an die Südersee gelangt ist, während doch die Kulturbewegung im 12. und 13. Jahrhundert vom Westen nach Osten ge­richtet war ? Warum fehlt die Dörnse in den eigentlichen Slawengebieten, warum schon in der Lausitz? 12 ) Die Sache liegt umgekehrt, weil die Lüneburger Wen den d as ihnen fremde Wort Doms sich durch Dorinze und Dwarneiz mundgerecht machten, wie die Wenden in Klinge bei Senftenberg aus Al­koven sich mit Anlehnung an den daneben stehenden Ofen einen Kacheloven, Kachloben zurechtmachten (V.). Dann ist ferner zu beachten, daß die süd­deutsche Gruppe, die an ihrer schmälsten Stelle zwischen Amberg und Er­furt noch 25 Meilen von dem norddeutschen Dornsengebiet getrennt ist, für die Hof- und Ratsstuben niemals das niederdeutsche Dönse oder Dörnse ver­wendet, sondern in Weiterbildung des turniza des 11. Jahrhunderts stets nur Türnitz. Dirnitz, Thurnitz u. a. Formen kennt. Solange eine einwandfreie Etymologie des Wortes turniza nicht gefunden ist, wird es für die Dornsen- Frage um so mehr ausscheiden müssen, als bei der Verbindung mit Schloß- und Burgbauten eine Herkunft aus dem mittelalterlichen Burgbau viel näher liegt 13 ).

Jedenfalls ist das norddeutsche Dornsen-Gebiet sprachlich und ethnogra­phisch eine besondere Gruppe, deren Stammwort Dor oder Dör ist. In dem friesisch-sächsischen Vierlanden Dörns (Kirchhoff in Petermanns Mitt. 1895 Lit.-Ber. S. 23), in Minden und Ostfriesland Dönse, Dönse in Westfalen,

,0 ) G. W. Leibnitz, Collectanea etymologica, Hannover 1717.

u ) K. Khamm, a. a. 0.1. 1. S. 481.

12 ) Aus einer Bemerkung des alten Geschichsschreibers der Hitmarsehen Neocorus, nach der um 1580 in Btisum nur vier oder fünfDornschen und noch weniger Küchen und Schornsteine vorhanden wiiren, könnte man schließen, daß die Dörnse in der Tat erst verhältnismäßig spät in das Bauernhaus gelangt sei; aber hier handelt es sich offenbar nicht um die Dörnse im eigentlichen Sinne, sondern um das um diese Zeit einsetzende Kindringen einer neuen Heizvorrichtung, des Ofens, der die Dörnse beeinflußt hat und sie als kleine Stube von der großen Stube, dem Iisel, in Niedersachsen, Ditmarschen und Nordfriesland dauernd absonderte (S. O Lasius. Das friesische Bauernhaus Staßburg 1885 S. 7). Trotzdem habe ich den Eindruck, daß die Dörnse in Holstein jünger ist als südlich der Elbe.

13 ) Sollte das mittelalterliche Ture, Thure, Dorn (Turris)- Turm hier der Ausgang sein ?