Heft 
(1917) 25
Seite
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1. (1. außerordentliche) Versammlung des XXV. Vereinsjahres.

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hing früher im Rathaus der Stadt und wurde der Kirchengemeinde anläß­lich des Neubaus der Kirche überlassen. Das Jahr des Gusses ist 1789. Die kleine Glocke schenkte König Wilhelm I. im Jahre 1866. Der untere abgeputzte Teil des Turmes ist noch ein Rest des von der Kurfürstin Luise Henriette 1658 erbauten Gotteshauses, das im Jahre 1788 ein Raub der Flammen wurde. Leider ist bei den letzten Erneuerungsarbeiten der Grundstein dieser Kirche, der sich auf der Nordseite des Turmes befindet und der die Zeichen L. C. Z. B. G. P. V. O. MDCLVIII (Luise, Cur- fürstin zu Brandenburg, geborene Prinzessin von Oranien 1658) trägt, über­putzt worden.

Von der Kirche ging es durch die Havelstraße zum alten Friedhof. Dort wurde das Grab des Professors Dr. Friedlieb Ferdinand Runge besucht, des Entdeckers der Karbolsäure und der Anilinfarben. Freunde und Fachgenossen haben dem im Jahre 1867 verstorbenen hervorragenden, leider verkannten chemischen Forscher 1874 einen schönen Obelisk mit seinem Medaillonbild (einem Werke des bekanntenTier-Wolff) errichtet. Hinter dem Kirchhof liegt die neue Stahlfederfabrik von Heintze und Blankertz, die zurzeit schon wieder erweitert wird. Sie grenzt an den ulten Oranienburger Kanal, der in den Jahren 183037 zur Umgehung der zahlreichen Havelkrümmungen auf Oranienburger Gebiet angelegt wurde. Seit der Eröffnung des Hohenzollernkanals liegt er verlassen da, weil fast der ganze Verkehr, der hier früher sehr bedeutend war (in manchen Jahren über 40 000 Fahrzeuge), die neue Wasserstraße benutzt. Von der Germen­dorfer Brücke hat man einen hübschen Ueberblick über das alte Urstromtal der Havel bis zur Obstbaukolonie Eden und an die neue Nauener Bahn.

Nach kurzer Wanderung am Oranienburger Kanal gelangten wir durch den im knospenden Frühlingsgrün prangenden Schloßpark zum Schloß. Schon um das Jahr 1200 errichteten die Askanier an dieser Stelle eine Burg zum .Schutze der eroberten Lande gegen die Wenden, die Burg Bötzow. Während der Raubritterzeit spielte dieselbe eine nicht unbedeutende Rolle, besonders als Stützpunkt der Quitzows. Kurfürst Joachim II. ließ an Stelle der Burg, die inzwisheen stark zerfallen war, ein Jagdschloß errichten, das aber nur gut 100 Jahre stand. Als die Kurfürstin Luise Henriette sich des durch den Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Bötzow annahm, wurde es durch' .einen stattlichen, von dem kurfürstlichen Ingenieur Memhardt ausgeführten Bau ersetzt, den der Kurfürst 1652 dieOranienburg nannte, welcher Name im nächsten Jahre auch auf die Stadt überging. Kurfürst Friedrich III., der nachmalige erste preußische König, ließ das Schloß zumAndenken an die frömmste Mutter in den Jahren 16881704 zuerst unter Nehrings, dann unter Eosander von Goethes Leitung erweitern und ausschmücken. Es erhielt damals das Aeußere, das heute noch im großen und ganzen erhalten ist, bis auf den rechten Vorderflügel, der 1842 abbrannte. Der inneren Ausstattung nach war es seinerzeit eines der prächtigsten Schlösser der