Ernst Friedei +.
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Flut von großen Eindrücken diese Stunde vielleicht kleiner erscheint, als es in friedlichen Tagen der Fall gewesen wäre: wir alle hier in dieser erhebenden Versammlung und weite Kreise in Stadt und Land, ja über die Grenzer! des Vaterlandes hinaus erkennen in wehmütiger Dankbarkeit den Wert seines Lebens, über dem mit unsichtbaren Lettern geschrieben steht: Wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.
Wie soll ich mich zum Dolmetscher all der Empfindungen machen, die uns heut in der mannigfachsten Weise bewegen; wie soll ich all die Fäden aufspüren, die seine Arbeit und seine Liebe zu unseren Seelen herübergesponnen hat? In jedem der vielen Kreise, die in ihm ihren Mittelpunkt sahen, wird ein Berufener seine Bedeutung würdigen, sein Bild in den Herzen lebendig machen. Wenn wir heute mit ihm vor Gottes Thron stehen und ihm das Geleit geben ins Land der Ewigkeit, wollen wir 1 ihn als den Menschen verehren, der von Gottes Gnade geleitet und seinem Willen gehorsam als sein Haushalter mit dem Pfunde gewuchert hat, das ihm anvertraut war, zum Nutzen seiner Mitmenschen getreu bis an den Tod.
Ein Leben von seltenem Reichtum liegt abgeschlossen vor uns. In 8 Jahrzehnten eine Fülle des Erlebens und Schaffens, eine unaufhörliche Folge von Saat und Ernte, wie Gott sie nicht oft Menschen zuteil werden läßt. Welch eine Wucht der Ereignisse, die sein empfänglicher Sinn in sich verarbeitete, von den Stürmen der Märztage der Revolution, die seinen Vater als Bürgerwehroffizier sahen und ihn als 10jährigen Schüler auf dem Wege zum Unterricht an den Barrikaden der Friedrichstraße vorbei- » führten, über die Jahre der Einigungskämpfe und der friedlichen Entwicklung unseres Vaterlandes bis zu dieser Wende der Weltgeschichte, die er noch in ihrer ganzen Größe auf sich wirken lassen konnte und deren voraussichtlich erfolgreichen Abschluß er wenigstens in die Nähe gerückt sah. Wie ein Prophet mutet er uns an, wenn er als Erster in unserem Vaterland vor 50 Jahren in umfangreicher Schrift die Forderung nach preußisch-deutschen Kolonien erhob und der eiserne Kanzler ihm, dem jungen Assessor, nicht nur hierfür seine ungeteilte Anerkennung aussprach, sondern auch dafür, wenn er damals in seinen juristischen Arbeiten Gedanken, die durch die heutige Fürsorgegesetzgebung allgemeine Verbreitung gefunden haben, lebendig werden ließ.
Durch edle, feingebildete Eltern, von denen die Mutter mit ihrer tiefen Liebe ihm bis ins späte Mannesalter erhalten blieb, frühzeitig auf die wahren Werte des Lebens hingewiesen, hat der lebensfrohe Jüngling mit seinem weiten Herzen und seinen hellen Augen den Genuß des Lebens und die Erholung von der Arbeit niemals in den dumpfen Niederungen materieller, selbstsüchtiger Vergnügungen gesucht. Sein Glück und seine Freude fand er im Verkehr mit der Natur hier in der Heimat und im großen Vaterland und draußen auf ausgedehnten Reisen in die weite Ferne, und
in emsigem Forschen nach des Landes Vergangenheit bis in die vorgeschichtliche Zeit.
Durch unausgesetzte Selbstüberwindung hat er seinen schwächlichen Körper gestählt, daß er auch an den Erholungstagen keine Zeit hatte müde zu sein. Durch gespannteste Aufmerksamkeit ward sein Blick geschärft, daß er auch an den unscheinbarsten Dingen nicht vorüberging und die Wunder göttlicher Allmacht und Weltregierung in dem geringsten Geschöpf und bis in die fernsten Zeiten erspähte. In unermüdlicher Arbeit entstanden seine ausgedehnten Sammlung'en, seine zahlreichen Schriften auf jedem Gebiet der Volkskunde. Und bei all diesem Forschen und Schaffen war er niemals der abgeschlossene und zugeknöpfte, weltfremde Gelehrte, sondern stand allezeit frisch und froh mitten im Leben der Zeit, das Herz voller Liebe zu Heimat, Volk und
Vaterland. Und mit ganzem Herzen stimmen wir ein in das Wort seines Freundes
Theodor Fontane, das eine hiesige Zeitung*) ihrem verehrten Mitarbeiter in ihrem
*) Berl. Loknianzeiger v. Montag, dem 11. März 1918, Abendausgabe. (D. R.)
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