114
"
Krausnick. Da wo der Weg von Krausnick nach Brand die alte Lübbener Heerstrasse schneidet, ist's nicht recht geheuer. Pferde scheuen dort im Dunkeln oder bleiben plötzlich wie angewurzelt stehen. Gelingt es endlich, sie anzutreiben, so rasen sie im schnellsten Lauf bis nach Krausnick, wo sie in Schweiss gebadet ankommen. Dort am Kreuzweg begruben früher Kranke ihre Kleider; damit glaubte man auch die Krankheit begraben zu haben; wer aber die alten Lumpen später ausgrub, wurde krank. Heute wird dort nichts mehr vergraben, denn der Weg ist gepflastert. Da, wo die alte Rüster am Kreuzwege steht, befand sich vor hundert Jahren der Gasthof Zum Toten Mann". Dort soll Paul Gerhardt sein Lied Befiehl du deine Wege" gedichtet haben. Darum heisst der Baum auch die„ Gerhardt- Rüster". Der Weg von Krausnick nach Brand bezeichnet die frühere Grenze der Mark gegen Sachsen. Grenzwege spielen aber nicht nur eine politische Rolle, sondern begünstigen auch den Spuk. In Ströbitz bei Cottbus lief früher die preussisch- sächsische Grenze mitten durch ein Gasthaus. Das Gastzimmer zur linken Hand war sächsisch, das zur rechten preussisch. Flüchtlinge, Pascher und ähnliche Leute suchten daher gern hier Unterschlupf. Wilddiebe, Erschien die sächsische Polizei, so begaben sie sich in die preussische Stube; kam der preussische Polizist, so suchten sie die sächsische auf. Die Grenze lief über den Hausflur. Da waren also gewissermassen die Staatsgesetze aufgehoben. Auch Spuker hielten sich gern auf Grenzwegen auf, und der Aufhocker erscheint gewöhnlich an Kreuzwegen an der Grenze.
O. Monke.
Ein neues Glockenbuch.
Seit der durch die Behörden verfügten Beschlagnahme einer grossen Anzahl unserer Glocken sind diese in den Vordergrund des Interesses gerückt. Das sehen wir auch an der stets sich mehrenden Literatur zur Glockenkunde; die Jahre 1917 und 1918 haben in dieser Beziehung bereits wertvolle Ergebnisse gebracht.
Das vorliegende Glockenbuch ¹) wendet sich an die Allgemeinheit und bietet mehr in erzählender Form Auszüge aus dem reichen Gebiet, in dessen Mittelpunkt die Glocke steht. Auf Vollständigkeit macht es keinen Anspruch, sagt der Verfasser selbst im Vorwort. Nicht nur Brandenburg, sondern Norddeutschland überhaupt, ist etwas stiefmütterlich behandelt. So sind die vielen schönen Glockensagen aus der Mark nicht einmal gestreift, auch über berühmte märkische Glocken und deren Giesser sucht man vergebens etwas in dem Buche. Am wertvollsten ist das 10. Kapitel„ Die Glocken im Krieg". Auch die Zusammenstellung der Glockenlyrik" ist dankenswert, womit das ,, Originale" des Buches erschöpft sein dürfte. Uebrigens sei auf S. 166 " Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken" besonders aufmerksam gemacht. Rudolf Schmidt( Eberswalde).
"
1) Die Glocke in Geschichte, Sage, Volksglaube, Volksbrauch und Dichtung. Von Rektor Joh. Pesch. Dülmen 1918. A. Laumann'sche Buchhandlung. Preis 1,30 M.