Heft 
(1920) 29
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A. Kühnemann

Die vier ersten Stücke sind ausgesprochene Hornzapfen primigener Rasse der Neuzeit und zwar speziell der podolisch- bessarabischen Rinderrasse. Sie gehören der Ausbildung der Frontalia nach weib­lichen Individuen an. Es sind aber nun in Berlin niemals Rinder dieser Rasse gehalten oder zu Zuchtzwecken nach hier importiert worden. Es fragt sich also, wie diese Tiere nach Berlin gekommen sind. Die beste Auslegungsart scheint mir die zu sein, die auch im Katalog des Märkischen Museums angegeben wird: wahrscheinlich Schlachtstelle in einer Kriegszeit." Da aber die Klosterkirche, wie mir Herr Dr. Kiekebusch mitteilt, kurz vor 1300 gegründet worden ist, kommen für unsere Reste nur Zeiten nach dieser Jahreszahl in Betracht, also der 7jährige Krieg und die Zeit der Freiheitskriege, denn nur zu diesen Zeiten sind Russen in Berlin gewesen, die ihr Vieh hätten mitbringen können. Einer Notiz der Vossischen Zeitung vom 4. April 1897 von Otto Her­mann: Die Russen im siebenjährigen Krieg", entnehme ich den Satz: ,, Sehr erschwert wurden die Operationen der russischen Armee durch die langen Wagenzüge, die ihr folgten." Nun ist uns aus Bildern allerdings aus den Zeiten der Freiheitskriege, z. B. Die große Armee am 19. Okt. 1813 auf der Flucht vor dem äußeren Grimmaischen Tore". und Kampf um die Proviantvorräte an der Frankfurterstraße", beide bei Bong, Berlin W. 57, Nr. 21062 b und c, und einer Abbildung aus dem Buche Kraft und Leben dem Vaterlande" von Archivrat Prof. Dr. P. von Pflugk- Harttung u. H. Dechend, Major a. D., bekannt, daß die Trains gewöhnlich von Rindern gezogen wurden. Auch wissen wir speziell von den Russen, daß bei dem Gefecht am 15. 12. 1761 bei Kosten( Posen) größere Beute an Schlachtvieh gemacht wurde; es steht also nahe, zu vermuten, daß unsere Reste solchen Proviantkolonnen entstammen, und daß so grade der Krieg der Verbreiter einer Rinder­rasse geworden ist. Dies soll nur im Hinblick auf die moderne Zeit erwähnt sein, da auch im Weltkrieg Rinder dieser Rasse nach Berlin­Blankenfelde gekommen sind, wenn auch nicht wie früher mit russischen Trains sondern zu Zugleistungen importiert. Auch was die Ausdeutung der geographischen Verbreitung von Rassen durch Funde anlangt, ge­mahnt uns dieser Fund wiederum zur größten Vorsicht, da er beweist, mit welch komplizierten Möglichkeiten in dieser Hinsicht gerechnet werden muß.

Die Stücke VIII 1055 u. 1056 sind Frontalreste mit rechten Horn­zapfen, die zur Frentosus- Rasse, also nicht zur podolisch- bessarabischen Rasse gehören: auch diese Tiere sind offenbar an dieser Stelle ge­schlachtet und die nicht verwertbaren Ueberreste eingescharrt worden.

Vor wenigen Monaten haben wir selbst mit Herrn Dr. Hilzheimer zusammen nun wiederum Reste podolischer Rinder, und zwar in großer Menge gefunden. Sie wurden beim Bau der Untergrundbahn in der Neuen Friedrichstraße, in der Grabensohle des alten Stadtgrabens ge­funden. Nach Mitteilung von Herrn Dr. Kiekebusch stand der Graben von etwa 1250-1660 offen, und wurde 1660 in der Art zugeschüttet, daß nach einem Erlaß der kurfürstlichen Verwaltung jeder nach Berlin zu Markte fahrende Bauer verpflichtet wurde, eine Fuhre Schutt in den Graben zu fahren. Die Reste müssen also der Zeit von 1250-1660 entstammen. Sie lagen an verschiedenen Stellen, in der ganzen Länge der Neuen Friedrichstraße, und bei einem Teil derselben, Katalog Nr. A III 3695, wurden Flaschenstempel der Zechliner Hütte, A VI 17 495,