Heft 
(1920) 29
Seite
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Dr. A. Kiekebusch: Heimatkunde und Heimatpflege

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Heimatkunde und Heimatpflege.

Von Dr. Albert Kiekebusch.

Wenn du im kleinsten, einsamsten Dorfe geboren wurdest, wenn dir Scharen gefiederter Sänger die Wiegenlieder sangen, wenn du Gottes strahlende Sonne an jedem Morgen auf- und an jedem Abend untergehen sahst, wenn Garten und Feld, Wiese nnd Wald, Baum und Strauch mit tausend Stimmen zu dir redeten, dann hast du eine Heimat. Und ist diese Heimat eine Scholle, auf der schon deine Väter und Urväter geboren wurden, gelebt, ge­litten und gestritten haben und zuletzt begraben worden sind, dann ist diese Heimat zwiefach heilig. Mit schwerem Herzen nur wirst du sie verlassen,- wenn du muẞt. Du kannst sie nicht vergessen. Der Zauber der Kindheit verklärt sie dir mit rosigem Schimmer. Sie lebt dir im Herzen, inniger, leuchtender vielleicht als all denen, die daheim geblieben sind. Denn ,, was man hat, das weiß man nicht zu schätzen."

Gedankenlos leben so viele Tausende, Zehntausende, ja Millionen dahin, gehen ihrem Tagewerke nach, tun redlich ihre Pflicht, arbeiten, leben ihrem Vergnügen je nach Neigung und Gaben.

Mancher fühlt sich einsam in der Heimat, ein Sehnen nach anderen Ge­nüssen, ein Streben nach Unfaßbarem ergreift ihn, und in der Jagd nach dem Glück gibt er wohl gar die alte Heimat auf. Er wird heimatlos. Er ist entwurzelt.

Wenn irgend einmal im ganzen Verlauf unserer vaterländischen Ge­schichte, so sollte gerade in diesen Jahren des Zusammenbruchs, des Nieder­ganges, des Elendes und der Verarmung auf allen Gebieten dem Deutschen, also auch dem Märker zum Bewußtsein kommen, was es bedeutet, eine Heimat zu haben, eine Heimat, aus der er täglich und stündlich Urkraft zu schöpfen vermag, die ihm stündlich und täglich Quelle neuer Freuden und reinsten Genusses werden kann. Nur dem Heimatboden können die alten Kräfte wieder entsprießen; nur der heilige Boden der Heimat kann die neue, junge Volkskraft wieder stärken und stützen. Darum gebt vielen, möglichst vielen, wenn nicht allen Volksgenossen eine Heimat. Und kann es nicht immer eine wenn auch noch so kleine eigene Scholle sein, dann laẞt auch die Stadt dem Stadtkinde, die Großstadt dem Großstadtkinde zur Hei­mat werden, soweit es irgend möglich ist und gönnt ihnen da draußen Licht und Sonne und Luft und Freiheit, so oft es nur angeht- auf Wanderungen. in Ferienwochen. Auch dem Großstadtbewohner muß das an Sonntagen, Land, das heimische Land zur Heimat werden.

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Wer aber fern vom Getriebe der Stadt auf sonnigen Fluren sich der Heimat freuen darf, der atme diesen Genuß in vollen Zügen und wußtsein. Wie wenige tun das? Wie wenige können es? Wie verzweifelt mit Be­wenige unter den Millionen leben wirklich in der Heimat, und bringen nicht nur ihre Tage gedankenlos zu auf dem Boden der Heimat. Wie wenige be­schäftigen sich liebevoll mit der Heimat, wie wenige versenken sich andachts­voll in all das Schöne, Erhabene, was die Heimat ihnen bietet?