Heft 
(1920) 29
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Dr. A. Kiekebusch

Wie wenige kennen ihre Heimat so gründlich, wie man alles kennen muß, dessen man sich freuen soll. Was wissen die meisten von der Geschichte ihres Dorfes, von der Entstehung ihrer Ackerfelder und ihrer Wiesengründe? Wer hat die kleine Dorfkirche schon einmal als ein Denkmal der Dorfgeschichte betrachtet? Wer weiß die vorgeschichtlichen Funde zu würdigen, die auf der Feldmark beobachtet worden sind? Wer kennt die Bedeutung der Burgwälle, der Landwehren, der ,, Riesensteine", der Hünengräber? Wer hat sich ganz vertieft in das Leben der Tiere, der Vögel, der Pflanzen auf dem heimischen Boden? Und doch gehört das alles zur Heimatkunde. Wieviel mehr Freude hat an all diesem einer, der gelernt hat, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Und jeder kann das lernen; jeder muß das lernen. Die neue Schule will und soll ja eine Heimatschule werden, die jedem Kinde die Augen öffnet für die Wunder der nächsten Umgebung. Jeder Lehrer muß in Zukunft Führer sein auf diesem Wege. Es wird eine seiner schönsten und dankbarsten Aufgaben sein, die ihm anvertraute Jugend an geweihte Stätten der Erinnerung zu führen, das Wachsen und Werden der Umwelt zu beobachten und seinen Zöglingen das Verständnis für das Gewordene zu erschließen. Die Kiesgrube muß da zum Museum, die Ackerfurche zum Gegenstand des Studiums werden, und die Erläuterung alter Sitten und Gebräuche, alter Pflichten und Gerechts­same in der Gemeinde werden die Dorfkinder zu Staatsbürgern heranwachsen lassen, die klaren Blicks, offenen Auges freudigen Herzens erkennen, was sie sich, den ihrigen, der Gemeinde und dem großen Vaterlande schuldig sind. Aber nicht nur die Schule hat die Pflicht, Heimatkunde zu pflegen. Wer sich zum Führer eignet, sei er Pfarrer, Arzt, Rittergutsbesitzer oder er werde zum Lehrer, vor allem sonst Vertreter einer höheren Bildung aber zum Schützer alles dessen, was die Heimat zu einem der höchsten Lebens­güter macht. Schützer und Pfleger! Bildung schmückt nicht nur den Träger! Sie verpflichtet ihn auch.

Kaum aber läge es einem Stande näher, sich der Heimat und der Heimat­kunde anzunehmen als dem der Bauern, deren Geschlechter oft in langer Folge seit Jahrhunderten auf derselben Scholle sitzen, seit Menschenaltern frei und stolz. Schon die Urväter waren mit dem Heimatboden verwachsen, sogen aus ihm die beste Kraft nnd gaben dem deutschen Lande auch in jüngeren Söhnen Männer, deren Wirken und Walten noch die unauslöschlichen Spuren des Heimatbodens anhafteten, dem sie entsprossen waren. Unser heimischer Bauernstand ist im Laufe der letzten Jahre vielfach über sich hinausgewachsen. Mancher, der früher mit Sorgen rang, ist wohlhabend, mancher Wohlhabende reich geworden. Jedenfalls sind die meisten in der Lage, über die Alltags­notwendigkeiten hinaus sich zu betätigen. sich und andere zu erfreuen. Und die allermeisten unter ihnen werden bei aller Lebensfreude nicht aufgehen wollen in der Hingabe an allerlei Vergnügungen und oberflächlichem Zeit­vertreib. Hier gilt es ebenfalls, den gesunden Sinn in die rechte Bahn zu leiten. Auch Besitz verpflichtet, gerade wie die Bildung.

Wer die von den Vätern ererbte Scholle bebaut, müßte sein Herz ganz der Heimatkunde und Heimatpflege verschreiben. Der Bauer, dieses Wort in seinem alten, stolzesten und weitesten Sinne gebraucht, ist der geborene Hüter der Heimat mit all ihren Schätzen.

Aber nicht nur die Stätten alter Erinnerung bedürfen des Schutzes. Das Landschaftsbild, das Stadtbild, das Dorf, das Haus und die Stuben jedes einzelnen sollen zeugen für liebevoll und sorgsam gepflegten, Heimatschutz". Auch Industrie- und Ver­Jede Verschandelung muß fern gehalten werden. kehrsanlagen müssen und können sich dem Landschaftsbilde einfügen. Deutsches