Heft 
(1921) 30
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Das norddeutsche frühhistorische Schwein

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Die nächste Gruppe, welche wir zusammenfassend betrachten, besteht ans den Schädeln 8-10. Die großen Längenmaße in Verbindung mit den Breitenangaben verglichen mit den nämlichen der ersten Gruppe beweisen ein wesentlich anderes Gesamtbild: kürzere Profillinien, stumpferen Gesichts­winkel bei gleicher Stirn- und Sennauzenbreite, deshalb eine im Verhältnis größere Schädelbreite, namentlich in den Jochbogen und den Flügeln des Occipitale, mithin also kräftige Genickpartie sowie Ansätze für eine stark entwickelte Backenmuskulatur.

Die Verkürzung des Schädels liegt deutlich in der Stirnpartie; Maß 20 und 21 ergeben Differenzen:

Gruppe 1: resp. 171: 166; 175; 166; 162; 171;

Gruppe 2 dagegen: 155; 1583; 133.

Die Tränenbeinindices sind wesentlich niedriger, sie bleiben mit resp. 1,13; 1,40; 1,32 erheblich hinter denen der vorigen Gruppe zurück.

Die Backenzahnreihen schließen sich in ihrem Längenverhältnis dem kürzeren Gesichtsteil des Schädels an, die Verkürzung liegt wiederum im hinteren Teil der Molarenpartie, ohne jedoch eine merkliche Abnahme der Breitenmaße zu zeigen.

Bei Vergleichung der Schädel selbst beobachten wir zunächst eine zu­nehmende Senkung der Stirnbeine vor den Augenhöhlen. Hier sowohl als in der Verkürzung der Molarenreihe, ferner in den kürzeren Ausmessungen des Basilarteils( Maß 1) macht sich die Erscheinung der Hemmungsbildung, welche der Schädel des wildschweinähnlichsten Hausschweines nach Nathusius darstellt, zuerst bemerkbar. Der knöcherne Gaumen verflacht, das Dreieck des Hinter­hauptsbeines zeigt bei fast gleicher Grundfläche geringere Höhe; die Breite der Schläfengrube vermindert sich entsprechend der Zunahme des Genickwinkels, die Mitte des Occipitalkammes stellt sich vor den unteren Rand des Foramen magnum in der Senkrechten. Konfiguration der Orbita und Stellung des Jugale bleiben außer Betrachtung, da durch die Tränebeinindices Vermischung mit s. indicus bereits ausgeschlossen ist.

Die Stellung des M 3 zum Vorderrande der Orbita gibt wiederum den Ausschlag; es steht M 3 bei 5/ I senkrecht unter, bei 1/ Il senkrecht unter, bei 4/ II 3 mm hinter der Kante des Vorderrandes der Orbita.

Die Schädel 8-10 stellen also Repräsentanten der Rasse des wildschwein­ähulichsten Hausschweines dar.

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So ergibt sich denn aus dem Vergleich der beiden Schädelgruppen, daß pur solche Verschiedenheiten im Schädelbau vorhanden sind, für welche Motive. in der Lebensart der Tiere evident hervortreten."( Nathusius).

Hier sei noch auf eine Erscheinung hingewiesen, welcher in Maß 17 Ausdruck verliehen ist. Die Abnutzung der Zähne beim Schwein bietet uns im Gegensatz zum Pferd und Rind ein nur sehr unsicheres Hilftsmittel für eine genauere Altersbestimmung. Individuelle und Rasseeigentümlichkeiten verursachen nach Nathusius bereits ein langsameres oder schnelleres Abnutzen der Zähne, wozu die Trächtigkeitsperioden beim weiblichen Tiere hinzukommen, sodaß am lebenden Tier nach Beendigung des Zahnwechsels genauere Be­stimmungsmöglichkeiten überhaupt fehlen. Dieser Umstand fällt jedoch nicht so ins Gewicht, da nur Zuchtschweine eine längere Lebensdauer haben, eine genauere Altersbestimmung daher weder wirtschaftlich noch forensisch hier anzustellen nötig sein wird. Etwas anderes ist es jedoch, wenn bei Aus­grabungen Schädel gefunden werden, an denen die Zahnreihen stark abgenutzt sind oder ganz fehlen. Für diesen Fall glaube ich als Hilfsmittel zur Alters­bestimmung die kürzere oder längere Distanz der Hinterkante des M 3 vom Hinterrande des knöchernen Gaumens bezeichnen zu können.( Vgl. Abb. 3, S. 16)