Heft 
(1924) 33
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Das Ziel der landesgeschichtlichen Forschung.")

Von Bibliotheksdirektor Dr. WILLY HOPPE,

Privatdozent der Geschichte an der Universität Berlin.

Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben,

und viele Geschlechter reihen sich dauernd an ihres Daseins unendliche Kette."

Liegt nicht in diesen Versen des Weimarer Dichters zugleich ein Stück

Resignation, wenn man von der Gebundenheit eigenen Seins aus die Glieder jener Kette weit, weit zurückzuerkennen trachtet, bis dahin, wo sich das Werden dieser Glieder im grauesten Dunkel der Urzeit verliert? Und doch läßt der gleiche Dichter seinen Hafis sprechen: Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib' im Dunkeln, unerfahren, mag von Tag zu Tage leben." Dem niederdrückenden Dur tönt hier das hoffnungsfrohe Moll ent­gegen, beide berechtigt. So mag als erstes Erfordernis jeder geschicht­lichen Forschung, auch der Landesgeschichte, die frohe Zuversicht bestehen, daß ernste Arbeit die Schleier der Vergangenheit zu lüften vermag, und neben der Zuversicht jenes feine Sichbescheiden, das auch ein Ignoramus kennt und es nicht durch leichtfertiges Phantasieren zu verdecken trachtet.

Damit ist schon gesagt, daß landesgeschichtliche Forschung kein ,, leicht und eitel Ding" ist. Nicht umsonst ist sie in den Kreisen zünftiger Historie hier und da in einen gewissen Mißkredit gekommen, weil ungeschickte und untaugliche Hände sich zuweilen ans Werk machten, die der großen Geschichte der Staaten, der Völker und der Welt nie zu nahen gewagt hätten. Landesgeschichte ist die Geschichte eines stärker abgegrenzten Gebietes, eines Stück Bodens, dem der Er will die Ver­einzelne ihm Entsprossene sich verbunden fühlt. gangenheit seiner Umwelt ergründen. Damit ist gegeben, daß sich viele, Berufene und Unberufene, der Landes- und Lokalgeschichte widmen, ja, sie ist zuweilen fast nur von solchen getragen worden, einem man möchte sagen die in müßigen Erholungsstunden Spiel oblagen. Wir wollen die Landesgeschichte tiefer fassen. Jeder, sofern er mit ernstem Willen an sein Werk geht, mag uns willkommen sein. Es verschlägt nichts, wenn der Forschungskreis auch noch so klein ist; denn auch in der engsten Zelle, nehmen wir sie nun als geographischen Raum oder als Institution, regt sich das ewige Leben der Geschichte. Allem leichtfertigen Dilettantismus aber kann die landesgeschichtliche Forschung nicht scharf genug ihre Absage erteilen. Etwas anderes ist es freilich, wenn der Dilettant, aber nur der ernst gerichtete, sich sammelnd und sichtend an die Seite des Forschers

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*) Die folgenden Worte wurden auf der Tagung der brandenburgischen Geschichtsvereine in Potsdam am 5. Oktober 1924 gesprochen und sind für den vorliegenden Zweck nur zum Teil in eine andere Form gegossen worden. Bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit mußte dieser Beitrag gewählt werden. Faẞt man das Märkische Museum als eine Quellensammlung zur Landesgeschichte, so reiht sich der Aufsatz durchaus in eine Festschrift zu Ehren des Museums ein.