Heft 
(1926) 35
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die Marktsiedlungstheorie Rietschels verteidigt, der sich übrigens hauptsächlich mit den westlichen, besonders den auf fränkisch­gallischem Boden entstandenen Städten beschäftigt, sind die Historiker geneigt, eine Vorsiedlung abzulehnen und Neugründungen aus grüner Wurzel anzunehmen. In manchen Fällen mag das berechtigt sein in vielen vielleicht!, obgleich die örtliche Geschichtsforschung hier wohl noch stark korrigieren wird. Jedenfalls darf man nicht vorweg jede Vorsiedlung ablehnen. Kretzschmar macht selbst eine Anzahl von Kaufmannssiedlungen namhaft, die aus deutschen oder slawischen Dörfern hervorgegangen sind, und die diesen Ursprung noch in dem Stadtplan erkennen lassen. Ja, er bestreitet seine Aus­führungen allein aus den Linien des Stadtplanes. Es sind dies Leipzig mit einer slawischen Burg, Halle, Rochlitz, Borna, Taucha, Chemnitz, Leisnig, Oschatz mit einem slawischen Dorf, Meißen, wo er nicht weniger als 8 Siedlungen, Lippert darunter auch einen Rund­ling erkennt, Dresden mit einem Straßen- und einem Runddorf und Löbau. Aus bäuerlichen Kernen sind ferner erwachsen Soest, Xanten, Wesel 43), Hamburg, Lüneburg 4), Hildesheim, Goslar, Sangerhausen 45), Braunschweig 46), Stendal, in dem die Vorsiedlung in den Straßen­namen Altes Dorf"," Upstall"," Huuk" weiterlebt, Neustadt- Branden­burg mit der Deutsches Dorf" genannten Straße. Weiterhin in Brandenburg Wusterhausen a. D.( Angerdorf), Nauen( Rundling), Zehdenick( Straßendorf). Auch Cassel sei noch erwähnt, weil hier ähnliche Verhältnisse vorliegen wie in Berlin- Cölln. Auf dem linken Ufer der Fulda lag die Marktsiedlung, auf dem rechten das 1154 ge­nannte Dorf Cassala, das 1189 zur civitas wird, das aber in dem niederdeutschen Flurnamen Brink, ursprünglich Rand, Ab- Hügel und in dem Breul, dem Hüteplatz, noch heute weiterlebt Fügen wir noch hinzu, daß Ermisch") in dem Straßenplan von Zwickau einen Rund­ling wiederfindet, dann wird sich kaum ablehnen lassen, daß- ohne Rücksicht auf die westlichen Städte zu nehmen doch recht viele Stadtgemeinden in dem Kolonialland einen slawischen, deutschen, in einzelnen Fällen( Hamburg, Berlin) auch einen vorslawischen Vor­läufer gehabt haben, der oft nur noch in dem Stadtplan wieder­zufinden ist.

Soll nun, weil die Urkunden darüber nichts sagen, Berlin- Cölln keine Vorsiedlung gehabt haben, obwohl auch hier der Stadtplan überzeugend vom Gegenteil spricht? Ein deutsches Dorf der Kolonial­zeit tritt allerdings nur in Cölln mit Sicherheit hervor. Bei dem Dorfe Berlin deutet der Rundling, der mit den anderen märkischen Rundlingsgebieten in Verbindung steht, auf eine ältere Zeit. Doch ist diese Siedlungsform nicht slawisch 18), sondern von den Wenden nur übernommen worden, wie es Schlüter 49) für das nordöstliche Thüringen nachgewiesen hat.

43) Ilgen. Westdeutsche Zeitschrift, XXIX., 1910, S. 59 u. 75.

44) Hahn. Topographischer Führer, S. 108.

45) Mitteilungen des Geschichtsvereins Sangerhausen, XV., 1925, S. 19.

46) Zeitschrift des Harzvereins, XL., 1907, S. 304.

47) In Wuttke. Sachsische Volkskunde.

48) Näheres darüber in meiner Arbeit Die Herkunft des Rundlings" in der Zeitschrift für Ethnologie und Urgeschichte, LII., 1920, S. 273-301. 49) O. Schlüter. Die Siedlungen im nordöstlichen Thüringen.