166 21 . (8. außerordentliche) Versammlung des XVII. Vereins)ahres.
germanen gelebt haben. Genauer läßt sich seine Stammeszugehörigkeit auf archäologischem Wege nicht ergründen. Nun kommen uns aber die Berichte der römischen Schriftsteller zu Hilfe. Von römischen Schriftstellern wissen wir, daß in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten zwischen Elbe und Oder tatsächlich ein westgermanischer Stamm wohnte. Es war der Stamm der Semnonen, der bekanntlich zu der Gruppe der Sueben gehörte. Höchst wahrscheinlich also haben wir es mit der Begräbnisstätte eines Semnonen zu tun oder mindestens eines Germanen, der unter den in unsern Gegenden hausenden Semnonen gewohnt hat und gestorben ist.
Nach seinem Tode hat man, wie es uns Tacitus ja ebenfalls im 27. Kapitel seiner „Germania“ bestätigt, einen Scheiterhaufen errichtet und die Leiche verbrannt. Da die Verbrennung ohne Luftabschluß geschah, so wurde der Körper nicht völlig eingeäschert; es blieben vielmehr kleinere und größere Knochenteile auf der Brandstätte zurück. Diese — nicht die Asche — wurden gesammelt, in die Urne getan und dazu legte man dann die beiden Bronzefibeln, die also nicht mit im Brande gewesen sind. Wären sie mit auf den Scheiterhaufen gekommen, so hätten sie unmöglich unversehrt bleiben können, sondern wären zerschmolzen und fast zur Unkenntlichkeit und Formlosigkeit verunstaltet worden, wie wir das in zahllosen anderen Begräbnisstätten finden. Daß es zwei Fibeln sind, die in der Urne lagen, darf uns nicht wundern, weil die Gewandnadeln meist paarweise, nämlich an beiden Schultern das Gewand zusammenhielten.
So erzählt uns die Karlshorster Urne mancherlei. Ein Rätsel aber gibt sie uns auf, das wir bis jetzt nicht lösen können, das vielleicht aber in Zukunft noch gelöst werden kann, Die Germanen der damaligen Zeit wohnten zwar nicht eng beisammen, aber auch nicht so weit von einander entfernt, wie dies gewöhnlich angenommen wird. Wir haben uns die germanischen Siedlungen etwa nach Art eines heutigen Dorfes mit weitläufiger Bauart zu denken. Die Toten werden — ganz wie heute — auf einem gemeinsamen Friedhofe meist reihenweise begraben. Nun ist aber — bis jetzt — in Karlshorst nur diese eine Urne gefunden worden. Trotzdem läßt sich vermuten, daß diese Urne nicht als einsam gelegenes Einzelbegräbnis zu erklären ist, sondern daß wir sie als den Rest eines altgermanischen Friedhofes zu betrachten haben. Da wäre es sehr interessant, zu erfahren, ob außer dieser Urne in der Umgebung der Fundstelle noch Scherben oder andere Reste beobachtet worden sind oder ob vielleicht in der Nähe des Fundorts auch heute noch Altertümer zutage gefördert werden.“
Hierzu bemerke ich Herr Gregorovius, mit dem ich gut bekannt bin, gibt an, daß in der Nähe nichts weiter gefunden sei und so weit ich an Ort und Stelle beobachten konnte, scheint auch keine weitere