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4. (3. außerordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.
hat, die wegen des Neubaus der Schleuse abgebrochen worden ist. Durch die Potsdainerstraße wanderten die Besucher weiter an der altehrwürdigen Nikolaikirche vorbei zur Zelle, einem düsteren schmalen Durchgänge von der Potsdamer- nach der Jiidenstraße. Die Zelle, ein Überrest des mittelalterlichen Spandau, bildete vor der Reformation den Eingang zur Herberge der grauen Mönche oder Franziskaner aus Berlin, die darin auf ihren Bettel- und Beichtfahrten ihr Absteigequartier hatten. Die Franziskanerzelle in Spandau war ein Freyhaus, aller öffentlichen Lasten und Abgaben ledig. Die Mitglieder des Ordens bewohnten die Herberge, da sie eignen Besitz nicht haben durften, nur gastweise; nichtsdestoweniger hatte der Rat der Stadt öfters große Mühe, die Hausschlüssel, welche die Mönche mit nach Berlin genommen hatten, zurückzuerhalten. Die Zelle ist jetzt gesperrt und wird bei Errichtung von Neubauten verschwinden.
Durch die Mönchstraße kamen die Teilnehmer in die Fischerstraße, wo gleichfalls eine Anzahl alter Wohnhäuser mit dunklen, schmalen Treppen, engen Höfen und winkligen Gärtchen besichtigt wurden, dann gelangte man durch den südlichen Teil der Breitenstraße am alten Offizierskasino vorüber in die Mauerstraße, wo den uralten und baufälligen Häusern nach dem Mühlgraben zu ein Besuch abgestattet wurde. Auch diese Überreste*) des alten Spandau, von denen einige mit überragenden Vorbauten versehen sind, werden bald vom Erdboden verschwinden, da hier verschiedene neue Straßenzüge nach dem durch die Niederlegung der Wälle neuerschlossenen Baugelände durchgelegt und an Stelle der verwitterten Häuschen hohe Wohnhäuser errichtet werden sollen.
In der Potsdamer Straße wurde darauf die Stelle besichtigt, wo bis 1898 die Schloßkaserne, das frühere Zuchthaus, gestanden hat. Das Gebäude wurde in den Jahren 1578 bis 1581 von dem Festungsbaumeister Grälen Rochus zu Lynar für seine Familie erbaut und hieß ursprünglich das „gräfliche Schloß“. König Gustav Adolf von Schweden weilte dort bei seinem Aufenthalt in Spandau und wurde dort auch als Leiche aufgebahrt. Der große Kurfürst kaufte das Haus
*) Die Spandauer „Unvernunft“. Bis 1764, so schreibt u. M. Rektor Monke, hieß der Teil der heutigen Mauerstraße zwischen der Breitenstraße und dem Potsdamer Tore die „Unvernunft“. Hier befand sich früher an der Mauer (daher der Name Mauerstraßei) die Scharfrichterei, die 1761 auf den Galgenberg außerhalb der Stadt verlegt wurde. In Nauen liegt die Scharfrichterei, jetzt am sog. alten Wege nach Lietzow, nördlich der Hamburger Chaussee. Sie heißt die „Unvernunft“ und ein in ihrer Nähe an der Chaussee gelegenes Einzelgehöft die „neue Unvernunft“, auch wohl die „grüne Unvernunft“. Angeblich entstand der Name dadurch, daß man den Erbauer des Gehöftes für unvernünftig hielt, weil er es in so weiter Entfernung von der Stadt angelegt hatte; in Wirklichkeit galt die Bezeichnung zuerst der Scharfrichterei.