Heft 
(1910) 18
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4. (3. außerordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.

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1686 an und richtete es zu einem Manufaktur- und Spinnhause ein. Unter dem Soldateukönig Friedrich Wilhelm 1. wurde es durch den Ankauf des daneben liegenden Brauhauses erweitert und diente nun als Zuchthaus. Im Jahre 1813 wurden die Gefangenen der bevorstehenden Belagerung wegen nach Brandenburg geschafft, und das Gebäude wurde zunächst von den Franzosen zu einem Lazarett eingerichtet. Nach der Belagerung bis zum Jahre 1815 wurde es von den preußischen Behörden zu militärischen Zwecken benutzt. Als mit dem Wachstum Berlins die Zahl der Sträflinge sich mehrte, wurden die Gebäude zu verschiedenen Zeiten nach der Juden- und Moritzstraße hin erweitert. Mehrmals revol­tierten die Zuchthäusler, so 1820 und 1830; bei der ersten Revolte wurde ein Oberinspektor ermordet, bei der zweiten wurden von den Wacht- mannschaften 11 Gefangene getötet bzw. verwundet. Im Jahre 1850 saß der Dichter Gottfried Kinkel hier in einer Zelle im Flügel nach der Jiidenstraße zu, er wurde in der Nacht vom 6. zum 7. November mit Hilfe von Karl Schurz befreit, worauf er über Rostock nach England entffoh. Die Auflösung des Zuchthauses erfolgte 1872, darauf wurde das Gebäude zu einer Kaserne eingerichtet, die unter den NamenSchloß- kaserne bis zum Jahre 1898 bestand. Das .an vier Straßenfronten belegene Gebäude wurde 1897 für 375 000 Mk. an den Kaufmann Simmel verkauft, der den alten Bau niederreißen ließ*) und den Bauplatz aufteilte. Jetzt erheben sich mehrere Wohngebäude an der historischen Stätte.

Von hier begaben sich die Teilnehmer des Ausfluges an dem neuen Postgebäude und der alten Mühle am Potsdamer Tor auf das vor diesem sich ausbreitende freie Gelände, wo sich noch bis vor einigen Jahren Befestigungswerke erhoben und Festungsgräben hinzogen. Jetzt ist hier durch Abtragung der Wälle und Bastionen und durch Zu- schüttüng der Gräben ein großer freier Platz geschaffen worden, auf dem das neue Rathaus der Stadt Spandau erbaut werden soll. Das Gelände nach Norden hin wird bis zum Kaiser Wilhelm-Denkmal zu einer Promenade umgestaltet werden.

Hinter dem Postgebäude steht am Graben noch ein Stück der alten Stadtmauer, welche die Altstadt im Mittelalter umzog, und von diesem Überrest führt die Jüdenstraße zu einer Kaserne, deren alter

*) Vor dem Abbruch wurde eine photographische Aufnahme von dem früheren Zuchthause gemacht und eine Ansichtskarte hergestellt, die außer der Strafanstalt eine Abbildung der Zelle Kinkels, des Dachfensters, aus dem er an einer Strickleiter das Zuchthaus verließ, und des Platzes enthält, von wo aus Karl Schurz sich mit ihm nächtlicherweile verständigt hatte; es ist dies eine Nische des gegenüber belegenen Hauses des Seilermeisters Hermann in der Potsdamerstraße. Auf der Karte befinden sich auch die Bildnisse von Kinkel und Schurz, die gleich nach der Flucht bei ihrer Ankunft in London aufgenommen worden sind.