Heft 
(1910) 18
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4. (3. außerordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.

Backsteinbau erkennen läßt, daß er früher kirchlichen Zwecken gedient hat. Es ist die ehemalige Moritzkirche, die um 1450 erbaut und hundert Jahre später bereits als Kornmagazin benutzt wurde. Seit 1626 wurde die Kirche wieder zu gottesdienstlichen Zwecken gebraucht, dann wurde sie 1806 von den Franzosen in ein Schlachthaus umge- wandelt und schließlich 1887 vom Militärfiskus angekauft uud zur Kaserne umgebaut. In der Jüdenstraße, sowie in der benachbarten Kitter- uud Mauerstraße wurden verschiedene alte Häuser besichtigt, deren Höfe von Fachwerk- und Galeriebauten umgeben sind, und zum Schluß in den anderen Zugang der Zelle (s. oben) ein Blick geworfen.

Erinnert auch noch vieles in Alt-Spandau an vergangene Zeiten, so werden diese Überreste aus dem Mittelalter und aus dem 16. bis 18. Jahr­hundert bald verschwinden, und das neue Postgebäude am Potsdamer Tor, verschiedene moderne Bauten in der Potsdamer-, Breiten- und Charlotten­straße, das Kaiser Wilhelm-Denkmal, die Garnisonkirche und die Ent­wicklung des Stadtteiles nach dem Fehrbelliner Tor zu lassen bereits erkennen, welche Umwandlung das alte winklige Spandau in kurzer Zeit erfahren wird.

Von dem Kaiser Wilhelm-Denkmal*), das seit April 1009 neben der Garuisonkirche steht, fuhren die Mitglieder derBrandenburgia mit der Straßenbahn an dem Bronzestandbild des Fürsten Bismarck (1901 von G. Meyer) vorüber zum Fehrbelliner Tor, wo gleichfalls die Befestigungen geschleift sind und eine breite Prachtstraße angelegt wird, und weiter am Klinke-Denkmal**) vorbei durch die Anlagen

*) Das Reiterstandbild ist eine Schöpfung von E. Dnrrenbach. Der Plan zur Errichtung des Denkmals wurde 1897 anläßlich der Hundertjahrfeier gefaßt und die 62 600 Mk. betragenden Kosten wurden durch freiwillige Beiträge der Bürgerschaft (die Stadt gab 15000 Mk.) aufgebracht. *

**) Das Klinke-Denkmal, ein Werk des Prof Wilhelm Wandschneider, ist von ehemaligen Kameraden des 3. brandenbg. Pionier-Bataillons von Rauch in der Nähe der Pionier-Kaserne errichtet und am 31. Mai 1908 feierlich enthüllt worden. Es ist dem Andenken des Pioniers Klinke, der am 18. April 1864 bei der Erstürmung der Düppler Schanzen fiel, und zugleich der Erinnerung an alle Pioniere, die im dänischen Feldzuge gefallen sind, gewidmet. Das Denkmal zeigt die Bronzestatue Klinkes, wie er, schwer verwundet, über einer zerrissenen Palisadenwand zusammenbricht.

Die Heldentat Klinkes ist übrigens durch die Legende stark übertrieben worden. Den zeitgenössischen Berichten zufolge kann von einer Aufopferung gleich Winkelried keine Rede sein. Hiernach hat der Pionier Klinke durch Anzünden und Hineinwerfen des Pulversacks seine Pflicht als Soldat getan und außer Brandwunden im Gesicht keine tödliche Verletzung davon getragen. Erst nachher beim Herausklettern aus dem Graben traf ihn eine dänische Kugel durch Arm und Brust, die seinem Leben ein Ende machte. Klinke hat also den Heldentod erlitten wie jeder andere brave Soldat. Aber, sagt Theodor Fontane in seiner Geschichte des Schleswig-Holsteinschen Krieges von 1864,welche Lesart auch immer die richtige sein mag, das Volk wird sich seinenKlinke ebensowenig nehmen lassen wie seinenFroben.