Heft 
(1910) 18
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4. (3. außerordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.

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meldet über die Renovation:Leider hat die architektonische Schönheit der Kirche nicht gewonnen; die leitenden Baumeister scheinen keine Baukünstler gewesen zu sein, denn sie haben die zwar einfache, aber nicht unschöne Kirche geradezu verhunzt. Die letzte Renovation der Xikolaikirche fand in den Jahren 19021903 nach den Angaben des Provinzialkonservator, Baurat Büttner, unter der Leitung des Reg.- Inspektors Otto Stiehl statt und kostete ungefähr 101000 Mk. Bei dieser durchgreifenden Wiederherstellung der Kirche wurde das Innere im Geschmacke des Mittelalters in den alten Farbentönen ausgemalt und die Fenster mit farbigen Glasmalereien*), von denen die unteren das Abzeichen des Stifters zeigen, geschmückt. Außerdem wurde der schöne Ivruzifixus mit Maria und Johannes aus dem Jahre 1540, der früher dem Märkischen Museum überwiesen worden war, wieder an den alten Platz unter dem Triumphbogen eingefügt und die kunstreiche Kanzel**) aus der uiedergerissenen Johanniskirche***) im Pnedigtrame aufgestellt. Die Einweihungsfeier des erneuerten Gotteshauses fand am 13. Dezember 1903 statt.

*) Die Glasmalereien sind von der Firma Gebr. Lindemann in Frankfurt a. M. hergestellt.

**) Die weiße, mit vergoldeten Akanthusblättern verzierte und in Form eines korinthischen Kapitals gestaltete Kanzel wurde 1714 von Friedrich Wilhelm I. der reformierten Johanniskirche geschenkt und stammt aus der damaligen Garnison- kirche in Potsdam, einer Kapelle im Stadtscblosse. Die Kanzel blieb zunächst, da sie sehr beschädigt war, auf dem Kirchboden liegen und wurde erst 1751 notdürftig aus­gebessert aufgestellt. Als die im Jahre 1669 erbaute Johanniskirche von der St. Nikolai­gemeinde 1897 eingezogen und 1903 an das Provinzial-Sclmlkollegium, das den Bau­platz zur Vergrößerung des Gymnasiums gebrauchte, für 120 000 Mk. verkauft wurde, brachte man die Kanzel und andere Altertümer, sowie die Grabsteine und die irdischen Überreste verschiedener Personen nach der Nikolaikirche. Stiehl sorgte für eine gute Wiederherstellung der Kanzel und stellte sie in der renovierten Kirche auf. Vergl. hierzu die Abhandlung von Prof. Laske im Hohenzollernjahrbuch 1908.

***) Außer der Johanniskirche sind, wie Oberpfarrer Recke erwähnte, noch sieben andere Kirchen und Kapellen Spandaus im Laufe der Jahre abgebrochen worden, so die erste katholische Kirche, die Friedrich Wilhelm I. 1724 außerhalb der Stadt bei der Gewehrfabrik erbauen ließ, wo er 200 katholische Gewehrarbeiter aus Lüttich angesiedelt hatte, die Schloßkirche auf der Zitadelle, die aus dem Mittelalter stammte, die Kapelle im Wohnhause des Grafen von Lynar, die beim Umbau des Gebäudes zum Zuchthause entfernt wurde, die Kirche des Be­nediktiner Nonnenklosters vor dem Potsdamer Tore, die nach der Reformation gegen Ende des 16. Jahrhunderts dem Abbruch verfiel, die Kapelle des 1208 gegründeten Hospitals zum Heiligen Geist, die 1289 zum ersten Male erwähnt und 1639 aus strategischen Gründen abgebrochen wurde, die St. Jürgenkapelle, die zum Georgen­hospital gehörte und 1542 niedergerissen wurde, und die St. Gertrudkapelle auf dem Stresow, die 1462 zuerst genannt wird und 1640 abgetragen wurde. Außerdem wurde die St. Moritz kirche (s. ob.) 1837 in eine Kaserne umgew'andelt.