Hip dinlektfreie Auss).rache des Hochdeutschen in der Mark Brandenburg. 423
punkto unberücksichtigt gelassen haben, vor allem den, daß das Hochdeutsch der Neuzeit sich allmählich aus dem Hochdeutsch früherer Zeiten, d. h. aus dem Alt- und Mittelhd. entwickelt hat, und daß die Sprachentwickelung von der Sprache desjenigen Landesteils am meisten beeinilußt worden ist, der jeweilig die geistige Führung in Deutschland hatte. So hatte die Sprache des Mittelalters seine entschieden süddeutsche Färbung durch den Einfluß der Hohenstaufen, die in Süddeutschland lebten und von dort aus die Geschicke Deutschlands leiteten. Mit dem Untergang der Hohenstaufen sank der Einfluß des Südens und es begann eine neue Zeit sich vorzubereiten durch die Reformation, die Zeit des Neuhochdeutschen, in der wir heute noch leben, die aber durch ihren großen Erwecker Dr. Martin Luther ein wesentlich mitteldeutsches Gepräge erhielt, denn Mitteldeutschland, Thüringen, Sachsen, Hessen standen damals an der Spitze der geistigen Bewegung des deutschen Volkes.
Ist das heute noch ebenso? — Die Frage ist entschieden mit nein zu beantworten, denn es läßt sich nach weisen, daß schon seit der Zeit des großen Kurfürsten sich norddeutsche Spracheigentümlichkeiten in das Hochdeutsch der neueren Zeit einzumischen begannen, was ja nicht wundernehmen kann, wenn man bedenkt, daß die Führung des deutschen Volkes allmählich auf Norddeutschland übergegangen ist, und daß auch die Einigung des deutschen Volkes durch norddeutsche Tatkraft vollbracht worden ist. Hieraus kann man eine wichtige Folgerung für die dialektfreie Aussprache des Hochdeutschen ziehen: Für den Fall, daß die Aussprache aller Gebildeten, aller öffentlich auftretenden Dichter, Redner, Schauspieler usw. nicht übereinstimmt, sondern schwankend ist, hat man die Berechtigung der norddeutschen Aussprache sorgsam zu erwägen. Ich will hier einige Beispiele anführen.
1. Wenn die Frage aufgeworfen wird, ob das w nur einerlei Aussprache hat, daß es also in wer und schwer, war und zwar durchaus gleich laute, so werden nicht nur die Berliner, sondern auch die Wiener, Dresdener, Lüneburger, Ostpreußen und Lothringer, selbst die Schweizer sich dagegen aussprechen, denn in wer spricht man das iv, indem man die Oberzähne auf die Unterlippe setzt, in schwer aber, indem man Ober- und Unterlippe einander nähert. Das w in wei ist also labiodental, das in schwer aber bilabial. Denselben Unterschied haben wir zwischen wer und quer, zwischen wem und bequem. Hiernach haben sich alle Deutschen für zwiefache Aussprache des w entschieden. — Das hat offenbar die vom Grafen Hochberg berufene Konferenz zur Regelung der deutschen Bühnen-Aussprache (bestehend aus den Herren v. Ledebur- [Sclnvei in], Tempeltei - [Koburg], Prof. Sievers - [Leipzig], Luick - [Graz], Siebs-[Greifswald]) entweder nicht gewußt oder nicht bedacht, denn im § 28 der von Prof. Siebs herausgegebenen Grundzüge der Bühnenaussprache will man die Schauspieler dazu verführen, nur die Aussprache