Heft 
(1910) 18
Seite
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I>ie dialektfreie Aussprache des Hochdeutschen in der Mark Brandenburg. 425

II. Daß die Sachverständigen das Meiste richtig geregelt haben, will ich nicht bestreiten. So z. B. haben sie die Aussprache des sp und st wie schp und seht in sprechen und stehen als richtig anerkannt. Sie haben zwar nur den Grund angeführt, daß alle Bühnen in dieser Aussprache einig sind, haben aber den durchschlagenden Grund nicht angegeben, daß sechs Siebentel aller Deutschen so sprechen und daß das eine Siebentel, das auf seine Ausßprache ßtolz ist, auf einem veralteten Standpunkt der Aussprache und der Sprachentvvickeluug stehen geblieben ist; denn es läßt sich nach weisen, daß vor inehr als 1000 Jahren der Baut sch im damaligen Hochdeutsch noch gar nicht vorhanden war, daß er zuerst die Lautverbimlung sk ergriffen hat, in der rnhd. Zeit noch vor den Lautverbindungen sl, sni, sn, sic, sp, st Halt machte, seither aber auch auf diese letzteren Lautverbinduugen übergegangen ist.

Ebenso wie die Sachverständigen sich bei der Aussprache des w geirrt haben, haben sie auch m. E. die Aussprache der Vokale a e i o u hinsichtlich ihrer Länge und Kürze unrichtig geregelt. Richtig ist, daß ic in vierzehn, vierzig kurz gesprochen wird, obwohl es in vier lang ist. Ist es in schmieden und Schmied ebenso?

ln Berlin werden alle Arten von Schmied, vom Hufschmied bis zum Goldschmied mit kurzem i gesprochen, und ebenfalls mit kurzem Vokal werden gesprochen: Gras, Glas, (Wagen)rad, Stadt, Tag, Herzog, Hof, Bischof, Schub, Zug und gram und grob, obwohl sie, wenn diese Wörter durch Deklination zweisilbig werden, z. B. im Glase, Grase, am Rade usw. mit langem Vokal gesprochen werden. Der scheinbare Widerspruch hat darin seinen Grund, daß diese Wörter schon im ältesten Deutsch kurzen Vokal hatten, diesen aber auch in der Verlängerung beibehielten. Allmählich aber hat sich, namentlich in der nhd. Zeit, (1. h. seit Luther die Aussprache dahin geändert, daß jeder Vokal, der in offener Silbe, d. b. am Ende einer Silbe steht, lang gesprochen wird; man sagt: der Mann ist grob, aber das ist ein gröber Mann. Darum werden alle eben genannten Wörter, wenn deren Vokal an das Ende der Silbe kommt, und dadurch in offener Silbe steht, lang gesprochen.

Darüber, ob alle vorgenannten Wörter, die in der Verlängerung langen Vokal haben, auch mit langem Vokal in der Verkürzung zu sprechen seien, gehen die Ansichten und Meinungen sehr auseinander. Nach SiebsGrundzügen sollen diese Wörter, namentlich Gras, Glas, Rad, Hof usw. mit langem Vokal gesprochen werden, weil auf deren Vokal nur ein Konsonant folgt, aber die Sachverständigen erkennen selbst an, daß das o in grob, Bischof, Herzog kurz gesprochen wird, obwohl man sagt: ein gröber Mensch, die Bischöfe, die Herzöge. Ich will hier nicht jedes in Frage kommende Wort und seine Aussprache in ganzer Breite behandeln; sondern nur an einzelnen Wörtern wenigstens