432
13. (10. außerordentliche) VentammluiiK des XVIII Vereinsjahres.
bewahren, ist ein hervorstechender Zug ihres Wesens, der, gepaart mit den Erinnerungen an die glanzvolle Askanierzeit, der Stadt etwas ungemein Anziehendes und dem guten Klange ihres Namens einen wärmeren Ton verleiht. Auf dem Platze nördlich von der Marienkirche steht ein außergewöhnlich großer und starker Faulhaum (Prunus padus) von 110 cm Stamm weite; in der Nähe hat ein anderer, eine Zwieselbildung gestanden, der sich jetzt im Märkischen Museum befindet. Die Zwiesel wurde von abergläubischen Leuten zu Krankenheilungen benutzt; der Kranke mußte durch die Öffnung kriechen und wurde dann angeblich von seinen Leiden befreit, falls er nicht etwa stecken blieb und sich einen neuen Schaden zufügte. Die Nähe der Kirche diente diesem Baume natürlich als besondere Empfehlung. Die Marienkirche, die schon 1260 erwähnt wird, ist der stolzeste Kirchenbau der Grafschaft Kuppin, der das Stadtbild beherrscht, von wo aus es auch betrachtet wird; ebenso bietet der Klick vom Turme aus ein umfassendes, sehr reizvolles Landschaftsbild. Im Innern enthält die Kirche noch einige Erinnerungen aus der katholischen Zeit, mehrere Meßgewänder, eine gotische Ilostienkapsel, deren Jahreszahl 1041 ihrem höheren Alter nicht entspricht, und Reste eines Flügelaltars. Am „Nonnenchor“ sieht mau eine Treppe, die angeblich den Anfang eines zum Kloster führenden unterirdischen Ganges bezeichnet, in einem Kellerraume befindet sich ein altes Ilolzschloß und in der Sakristei die „Friesenuhr“, die ein holländischer Kolonist um 1700 angefertigt haben soll. Bemerkenswert sind noch zwei Klingelbeutel aus dem Jahre 1776.
Nach dem vortreff lichen Mittagsmahle im Gesellschaftshause von 0. Ketli hielt Herr Lehrer Strauß einen Vortrag über die Geschichte der Stadt, deren Name früher Granzoye, Gransoyo (1402), Gransowe und Gransoe lautete und von dein des nahegelegenen Sees abzuleiten ist. Als Gründer und erste Bewohner gelten die Wenden, denen der See Nahrung, Beschäftigung und Schutz gewährte. Im nahen Prillwitz (Mecklenburg, bei Neustrelitz) verehrten sie den Swantewit, in Lindow den „Rächer und Helfer“ Jodutho, an den noch der Ruf „to Jodutho, zu Hilfe!“ erinnert. Die erste Besiedelung soll um 800 erfolgt sein. Mit Albrecht dem Bären, der 1137 die Prignitz eroberte, kamen dessen Verwandte, die Herren von Arnstadt und Lindau aus dem Anhaitischen ins Land und nahmen von den von den Wenden verlassenen Gebieten Besitz. Sie regierten unsern heutigen Kreis bis zum Aussterben ihres Geschlechts im Jahre 1524, zuerst von Lindow und dann von Alt-Ruppin aus. Jeder Bürger mußte ihnen folgenden Eid leisten: „Ick swere mynen Herrn von Lindow truwe unde holt to wesende, dem rade liorsam, der Stade unde des gantzen Landes beste to wetende, dat my Gott lielpe unde de Ililligen!“ Der Stadtrichter antwortete hierauf: „Hyr up ver- orlawe ick dy de Burscap, dat du machst kopen un verkopen. Men du